173
1888.
ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST
Nr. 5.
174
nach dem Kupferstiche M. S.'s Bartsch 18,
denn die Komposition und die Ausführung sind
viel geringer wie der Kupferstich.
Wir müssen also fragen: Wo sind die vielen
Gemälde Schongauers geblieben? Ohne Zweifel
war der gröfsere Theil derselben für Kirchen
und Klöster im Elsafs und in den angrenzenden
Orten gemalt. Jetzt wissen wir, dafs im Elsafs
bald nach dem Eintritt der sogen. Reformation
ein gewaltiger Bildersturm stattgefunden hat und
die aus den Kirchen gerissenen Bilder auf den
öffentlichen Plätzen durch die fanatischen Banden
verbrannt wurden, gerade so wie es 40 Jahre
später in den Niederlanden und 240 Jahre später
in der französischen Revolution geschah. Leider
sind auch mehrere Kirchen, in denen sich Bilder
von M. S. befanden, durch Feuer, andere durch
Verfall zerstört worden.
Wenn wir demnach ein umfassendes Bild
von der grofsen Kunst M. S.'s gewinnen wollen,
so müssen wir seine Kupferstiche studiren,
deren Anzahl von Bartsch auf 116 angegeben
und in seinem Peintre Graveur Bd. 6 beschrieben
werden. Von diesen sind 87 religiösen Inhalts.
Wenn es auch unter denselben einige gibt, die
nicht von M. S. selbst gestochen sind, wie
schon vor 100 Jahren Heinecke bemerkt hat,
so wie andere, deren Echtheit man bezweifeln
darf, so bilden diese doch Ausnahmen. Bei der
bei weitem gröfseren Anzahl derselben tritt uns
der Meister mit allen seinen hervorragenden
Eigenschaften lebendig entgegen.
Professor Lübke in Karlsruhe in seiner Kritik
der Monographie M. S.'s des Herrn von Wurzbach
sagt von den Kupferstichen M. S.'s: „Eine reiche
Phantasie, die flüssige Leichtigkeit der Gestaltung,
Adel und Innigkeit der Empfindung, zarte Hold-
seligkeit in der idyllischen, erschütternde Tiefe
des Ausdrucks in den dramatischen Darstellungen
charakterisiren ihn." Ich setze hinzu, dafs M. S.
dieses Alles und auch das Grofsartigste erreicht auf
die einfachste Art von der Welt, und dafs er
in dieser Beziehung selbst A. Dürer übertrifft,
in dessen Kupferstichen die materielle Arbeit
nicht selten den seelischen Ausdruck überragt.
Ferner bemerkt Lübke in Betreff des hl. „Antonius,
von Dämonen geplagt", (B. 47), gegenüber der
Auffassung Wurzbachs, dafs der Heilige eine
puppenartige Haltung! ? habe, mit Recht, Wurz-
bach übersehe, dafs darauf gerade die vom
Künstler beabsichtigte Wirkung beruhe, und dafs
der Künstler den von Dämonen geplagten Ein-
siedler nicht besser habe darstellen können.
Ich bemerke noch dazu, dafs diese Versuchung,
deren ich schon oben erwähnte, ein Meisterwerk
in Betreff der Komposition, Erfindung und Dar-
stellung ist, an dem wir sehen, dafs der Heilige
trotz der Angriffe seitens scheufslicher thier-
ähnlicher Gebilde, die aller Wahrscheinlichkeit
nach die schlechten Leidenschaften versinnbilden
sollen, durch Resignation Sieger über dieselben
werden wird.
Die hier im Lichtdruck beigefügten etwas
verkleinerten Nachbildungen nach M. S.'s Kupfer-
stichen B. 3: die Verkündigung und B. 72: die
Krönung der heil. Jungfrau führen uns Leistungen
aus der Höhenperiode des Meisters vor. Es möchte
nach meiner Meinung schwer halten, in der
Geschichte der Malerei Darstellungen zu be-
zeichnen, welche die Verkündigung inniger, die
Krönung der hl. Jungfrau grofsartiger und ebenso
gut komponirt dargestellt haben. Es ist sehr zu
bedauern, dafs die einzelnen Kupferstiche von
M. S. so selten in guten Abdrücken zu erhalten
sind, so dafs man z. B. 10 Mal einen guten Druck
von A. Dürer findet, ehe man einen guten von
M. S. antrifft. Die Folge davon ist, dafs man
auch für einen der letzteren 10 Mal mehr be-
zahlen mufs als für einen der ersteren. Um
wieviel mehr aber M. S. in den Kulturländern
jetzt geschätzt wird, als noch vor 40 Jahren,
geht daraus hervor, dafs man jetzt auf den
Auktionen ein schönes Blatt 30 bis 50 Mal
höher bezahlen mufs .als damals. Das „Todes-
bett der hl. Maria" B. 33 wurde vor zehn Jahren
mit 9000 Mark verkauft.
Der Erfindung der Photographie ist es zu
verdanken, dafs sämmtliche Blätter nach guten
Drucken jetzt für 160 Mark zu haben sind mit
Text von Duplessis. Ausgezeichnet sind die
Originalstiche des Meisters in den Kupferstich-
Kabineten von Berlin, Wien, Paris, London und
Basel vertreten.
Eine Reihe von Kupferstichen M. S's. sind
von ihm oder Andern überarbeitet, so nament-
lich B. 6, 16, 17, 30, 33, 53 und 72 und hat
dadurch deren Charakter öfters wesentliche Ein-
bufse erlitten. Endlich bemerke ich, dafs in
den Museen von Basel, Berlin, Florenz, London
und Wien sich Originalzeichnungen von M. S.
befinden, aber keine von ihm bezeichneten.
Aachen. Dr. S t r ä t e r.
1888.
ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST
Nr. 5.
174
nach dem Kupferstiche M. S.'s Bartsch 18,
denn die Komposition und die Ausführung sind
viel geringer wie der Kupferstich.
Wir müssen also fragen: Wo sind die vielen
Gemälde Schongauers geblieben? Ohne Zweifel
war der gröfsere Theil derselben für Kirchen
und Klöster im Elsafs und in den angrenzenden
Orten gemalt. Jetzt wissen wir, dafs im Elsafs
bald nach dem Eintritt der sogen. Reformation
ein gewaltiger Bildersturm stattgefunden hat und
die aus den Kirchen gerissenen Bilder auf den
öffentlichen Plätzen durch die fanatischen Banden
verbrannt wurden, gerade so wie es 40 Jahre
später in den Niederlanden und 240 Jahre später
in der französischen Revolution geschah. Leider
sind auch mehrere Kirchen, in denen sich Bilder
von M. S. befanden, durch Feuer, andere durch
Verfall zerstört worden.
Wenn wir demnach ein umfassendes Bild
von der grofsen Kunst M. S.'s gewinnen wollen,
so müssen wir seine Kupferstiche studiren,
deren Anzahl von Bartsch auf 116 angegeben
und in seinem Peintre Graveur Bd. 6 beschrieben
werden. Von diesen sind 87 religiösen Inhalts.
Wenn es auch unter denselben einige gibt, die
nicht von M. S. selbst gestochen sind, wie
schon vor 100 Jahren Heinecke bemerkt hat,
so wie andere, deren Echtheit man bezweifeln
darf, so bilden diese doch Ausnahmen. Bei der
bei weitem gröfseren Anzahl derselben tritt uns
der Meister mit allen seinen hervorragenden
Eigenschaften lebendig entgegen.
Professor Lübke in Karlsruhe in seiner Kritik
der Monographie M. S.'s des Herrn von Wurzbach
sagt von den Kupferstichen M. S.'s: „Eine reiche
Phantasie, die flüssige Leichtigkeit der Gestaltung,
Adel und Innigkeit der Empfindung, zarte Hold-
seligkeit in der idyllischen, erschütternde Tiefe
des Ausdrucks in den dramatischen Darstellungen
charakterisiren ihn." Ich setze hinzu, dafs M. S.
dieses Alles und auch das Grofsartigste erreicht auf
die einfachste Art von der Welt, und dafs er
in dieser Beziehung selbst A. Dürer übertrifft,
in dessen Kupferstichen die materielle Arbeit
nicht selten den seelischen Ausdruck überragt.
Ferner bemerkt Lübke in Betreff des hl. „Antonius,
von Dämonen geplagt", (B. 47), gegenüber der
Auffassung Wurzbachs, dafs der Heilige eine
puppenartige Haltung! ? habe, mit Recht, Wurz-
bach übersehe, dafs darauf gerade die vom
Künstler beabsichtigte Wirkung beruhe, und dafs
der Künstler den von Dämonen geplagten Ein-
siedler nicht besser habe darstellen können.
Ich bemerke noch dazu, dafs diese Versuchung,
deren ich schon oben erwähnte, ein Meisterwerk
in Betreff der Komposition, Erfindung und Dar-
stellung ist, an dem wir sehen, dafs der Heilige
trotz der Angriffe seitens scheufslicher thier-
ähnlicher Gebilde, die aller Wahrscheinlichkeit
nach die schlechten Leidenschaften versinnbilden
sollen, durch Resignation Sieger über dieselben
werden wird.
Die hier im Lichtdruck beigefügten etwas
verkleinerten Nachbildungen nach M. S.'s Kupfer-
stichen B. 3: die Verkündigung und B. 72: die
Krönung der heil. Jungfrau führen uns Leistungen
aus der Höhenperiode des Meisters vor. Es möchte
nach meiner Meinung schwer halten, in der
Geschichte der Malerei Darstellungen zu be-
zeichnen, welche die Verkündigung inniger, die
Krönung der hl. Jungfrau grofsartiger und ebenso
gut komponirt dargestellt haben. Es ist sehr zu
bedauern, dafs die einzelnen Kupferstiche von
M. S. so selten in guten Abdrücken zu erhalten
sind, so dafs man z. B. 10 Mal einen guten Druck
von A. Dürer findet, ehe man einen guten von
M. S. antrifft. Die Folge davon ist, dafs man
auch für einen der letzteren 10 Mal mehr be-
zahlen mufs als für einen der ersteren. Um
wieviel mehr aber M. S. in den Kulturländern
jetzt geschätzt wird, als noch vor 40 Jahren,
geht daraus hervor, dafs man jetzt auf den
Auktionen ein schönes Blatt 30 bis 50 Mal
höher bezahlen mufs .als damals. Das „Todes-
bett der hl. Maria" B. 33 wurde vor zehn Jahren
mit 9000 Mark verkauft.
Der Erfindung der Photographie ist es zu
verdanken, dafs sämmtliche Blätter nach guten
Drucken jetzt für 160 Mark zu haben sind mit
Text von Duplessis. Ausgezeichnet sind die
Originalstiche des Meisters in den Kupferstich-
Kabineten von Berlin, Wien, Paris, London und
Basel vertreten.
Eine Reihe von Kupferstichen M. S's. sind
von ihm oder Andern überarbeitet, so nament-
lich B. 6, 16, 17, 30, 33, 53 und 72 und hat
dadurch deren Charakter öfters wesentliche Ein-
bufse erlitten. Endlich bemerke ich, dafs in
den Museen von Basel, Berlin, Florenz, London
und Wien sich Originalzeichnungen von M. S.
befinden, aber keine von ihm bezeichneten.
Aachen. Dr. S t r ä t e r.


