191
1888.
ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST
Nr. 5.
192
Das in jeder Hinsicht hochinteressante Werk: „Die
vatikanische Ausstellung in Wort und Bild" darf nach
dem Gesagten nicht blofs den Katholiken als ein
herrliches Andenken an die grofsartige Jubelfeier des
heil. Vaters, sondern allen Kunstfreunden und nament-
lich allen strebsamen Kunsthandwerkern als eine Fund-
grube von Anregungen für Werke der religiösen Kunst
wärmstens empfohlen werden. Die meisten Abbildungen
der ausgestellten Werke sind vorzüglich, und wenn
letztere auch nicht stets nachahmenswerth erscheinen,
höchst lehrreich sind sie jedenfalls.
Viersen. Aldenkirchen.
Etudes iconographiques et archeologiques
sur le moyenage par E. Müntz. Paris, 1887.
12° VI, 175 S.
Den vorstehenden Titel trägt ein zierliches Bänd-
chen, worin der bekannte französische Forscher eine
Reihe von Aufsätzen in erweiterter und sorgfältig
revidirter Form vereinigt hat, die schon früher in
Zeitschriften veröffentlicht worden waren. Es bildet
einen Theil der seit kurzem bei E. Leroux erscheinen-
den „Petite bibliotheque d'Art et d'Archeologie". Der
rothe Faden, der diese Studien durchzieht, so ver-
schieden sie sonst auch den Gegenständen und den
Zeitepochen nach sein mögen, mit denen sie sich be-
schäftigen, ist der Nachweis des Fortbestehens der
Traditionen der Antike während des ganzen frühen
Mittelalters. Der Verfasser gelangt dabei zu analogen
Resultaten, wie sie Springer in seinem schönen Essay
über „das Nachleben der Antike im Mittelalter" nach-
gewiesen hat, allein da der Weg, den beide Autoren
verfolgen, nicht identisch, die beigebrachten Belege
verschieden sind, so finden ihre Untersuchungen viel-
mehr in einander ihre gegenseitige Ergänzung, als
dafs die eine die andere entbehrlich machen würde.
Ein zweiter Punkt mit dessen Klarlegung sich die vor-
liegenden Studien beschäftigen, ist die Gemeinsamkeit
der Inspiration der gesammten mittelalterlichen Kunst
von einem Ende Europas bis zum andern, — eine
Erscheinung, welche — wenn wir von dem Einflufs
der Kirche darauf absehen — ihren Ursprung in
direkter Linie von der durch die römische Disziplin
auferlegten Gleichmäfsigkeit des Bildungs- und Stoff-
kreises herleitet, also mittelbar gleichfalls eine Folge
der antiken Tradition ist. Wenn man die figürliche
Ornamentik des Mittelalters, seine Sagenbildungen
(Legende Karl's d. Gr. und Rolandssage), seine lehr-
haften Emanationen (die Bestiarien und Traktate über
die Tugenden und Laster) nach dieser Seite hin durch-
prüft, drängt sich einem der bestimmende Einflufs
jener Hauptströmungen auf die Einheit der mittelalter-
lichen Kunst und ihre siegreiche Herrschaft über etwa
abweichende Tendenzen derselben unwillkürlich auf.
Endlich ist der Verfasser bestrebt, in seinen vorliegen-
den Studien überall den engen Zusammenhang zwischen
den Denkmälern der Kunst und jenen der Literatur
darzuthun, und den Einflufs nachzuweisen, den Dichter,
Philosophen und Moralisten auf die gleichzeitigen
Künstler, sowie einzelne Werke der letzteren auf die
Bildung von volksthümlichen Legenden, auf die Ent-
stehung von Dichterwerken geübt haben. Ueberaus
reich an Nachweisen nach allen drei hier angeführten
Gesichtspunkten ist gleich der erste Aufsatz über „die
figürlichen Mosaikböden" des frühen Mittelalters, wäh-
rend der zweite über „die Dekoration einer arianischen
Basilika des 5. Jahrhunderts" die von Ricimer gestif-
teten aber i. J. 1589 oder 1592 zerstörten Mosaiken
der Apsis von S. Agata in Suburra zu Rom, nach den
in der Vaticana vorhandenen Kopien derselben von
Ciacconio beschreibt — und der dritte „die Legende
Karl's d. Gr. in der Kunst des Mittelalters", vorzugs-
weise in der Rückwirkung der Schöpfungen der Poesie
auf jene der bildenden Kunst behandelt. In der
letzten Studie über „die irischen und anglosächsischen
Miniaturen" liefert der Verfasser den Nachweis, dafs
die für dieselben charakteristische Ornamentik nicht,
wie bisher allgemein angenommen ward, das Erzeug-
nifs der autochtonen Phantasie sei, sondern sich aus
verschiedenen Elementen ihr zeitlich vorangehender
Stilweisen zusammensetze, wovon die Bänderverschlin-
gungen, Mäander und sonstigen geometrischen Motive
schon der römischen, die Spiralen vielleicht der kel-
tischen und die phantastischen Thiergestalten der früh-
germanischen Kunst angehörten, so dafs der früh-
mittelalterlichen irischen Kunst nur das Verdienst der
Verschmelzung dieser entlehnten Elemente zu einein
einheitlichen Stil zugemessen werden dürfe.
Stuttgart. C. v. Fabriczy.
Achtundvierzig religiöse Bilder in Farben-
druck. Freiburg 1887, Herder. 1 M.
Diese 110 mm hohen, 73 mm breiten Bildchen ver-
dienen wegen ihrer klaren Zeichnung und einfachen
Farbengebung warme Empfehlung. Sie sind nieist von
Steinle oder Seitz entworfen, deren Namen für ihren
Werth bürgt. In der Ausführung ahmen sie alte kolo-
rirte Holzschnitte nach und suchen demnach,
weit entfernt von jener weichen, heute so verbreiteten
Art, mit kerniger Kraft etwas echt Volkstümliches
zu bieten. Am besten gelungen sind die Darstellungen
der Kreuzigung, des heil. Franz von Assisi, der heil. Wal-
burga und der heil. Nothburga. Hoffentlich wird ein
starker Absatz es ermöglichen, den Preis so billig zu
stellen, dafs er den anderer, weniger ernst ausgeführter
Heiligenbildchen nicht übersteigt. Der hier einge-
schlagene Weg dürfte der einzig richtige sein. Möchte
die Verlagshandlung ihn weiter verfolgen und die vor-
trefflichen Aussichten, welche ihre neuen Heiligen-
bildchen eröffnen, durch Fortschreiten auf dieser Bahn
und durch noch schärferes Betonen des Stiles kolo-
rirter Holzschnitte verwirklichen! Besonders das
Bild „Lasset die Kindlein zu mir kommen" weicht
leider in der Ausführung von den übrigen ab, weil es
zu viele Figuren zeigt und einer einfachen Komposition
entbehrt. Indessen darf man nie vergessen, dafs überall,
wo neue Versuche gewagt werden, einzelne weniger
gelungene Ergebnisse zu Tage treten.' Es kommt hier
darauf an, die Tendenz des neuen Unternehmens zu be-
sprechen und diese mit Freuden zu begrüfsen. S. 13.
1888.
ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST
Nr. 5.
192
Das in jeder Hinsicht hochinteressante Werk: „Die
vatikanische Ausstellung in Wort und Bild" darf nach
dem Gesagten nicht blofs den Katholiken als ein
herrliches Andenken an die grofsartige Jubelfeier des
heil. Vaters, sondern allen Kunstfreunden und nament-
lich allen strebsamen Kunsthandwerkern als eine Fund-
grube von Anregungen für Werke der religiösen Kunst
wärmstens empfohlen werden. Die meisten Abbildungen
der ausgestellten Werke sind vorzüglich, und wenn
letztere auch nicht stets nachahmenswerth erscheinen,
höchst lehrreich sind sie jedenfalls.
Viersen. Aldenkirchen.
Etudes iconographiques et archeologiques
sur le moyenage par E. Müntz. Paris, 1887.
12° VI, 175 S.
Den vorstehenden Titel trägt ein zierliches Bänd-
chen, worin der bekannte französische Forscher eine
Reihe von Aufsätzen in erweiterter und sorgfältig
revidirter Form vereinigt hat, die schon früher in
Zeitschriften veröffentlicht worden waren. Es bildet
einen Theil der seit kurzem bei E. Leroux erscheinen-
den „Petite bibliotheque d'Art et d'Archeologie". Der
rothe Faden, der diese Studien durchzieht, so ver-
schieden sie sonst auch den Gegenständen und den
Zeitepochen nach sein mögen, mit denen sie sich be-
schäftigen, ist der Nachweis des Fortbestehens der
Traditionen der Antike während des ganzen frühen
Mittelalters. Der Verfasser gelangt dabei zu analogen
Resultaten, wie sie Springer in seinem schönen Essay
über „das Nachleben der Antike im Mittelalter" nach-
gewiesen hat, allein da der Weg, den beide Autoren
verfolgen, nicht identisch, die beigebrachten Belege
verschieden sind, so finden ihre Untersuchungen viel-
mehr in einander ihre gegenseitige Ergänzung, als
dafs die eine die andere entbehrlich machen würde.
Ein zweiter Punkt mit dessen Klarlegung sich die vor-
liegenden Studien beschäftigen, ist die Gemeinsamkeit
der Inspiration der gesammten mittelalterlichen Kunst
von einem Ende Europas bis zum andern, — eine
Erscheinung, welche — wenn wir von dem Einflufs
der Kirche darauf absehen — ihren Ursprung in
direkter Linie von der durch die römische Disziplin
auferlegten Gleichmäfsigkeit des Bildungs- und Stoff-
kreises herleitet, also mittelbar gleichfalls eine Folge
der antiken Tradition ist. Wenn man die figürliche
Ornamentik des Mittelalters, seine Sagenbildungen
(Legende Karl's d. Gr. und Rolandssage), seine lehr-
haften Emanationen (die Bestiarien und Traktate über
die Tugenden und Laster) nach dieser Seite hin durch-
prüft, drängt sich einem der bestimmende Einflufs
jener Hauptströmungen auf die Einheit der mittelalter-
lichen Kunst und ihre siegreiche Herrschaft über etwa
abweichende Tendenzen derselben unwillkürlich auf.
Endlich ist der Verfasser bestrebt, in seinen vorliegen-
den Studien überall den engen Zusammenhang zwischen
den Denkmälern der Kunst und jenen der Literatur
darzuthun, und den Einflufs nachzuweisen, den Dichter,
Philosophen und Moralisten auf die gleichzeitigen
Künstler, sowie einzelne Werke der letzteren auf die
Bildung von volksthümlichen Legenden, auf die Ent-
stehung von Dichterwerken geübt haben. Ueberaus
reich an Nachweisen nach allen drei hier angeführten
Gesichtspunkten ist gleich der erste Aufsatz über „die
figürlichen Mosaikböden" des frühen Mittelalters, wäh-
rend der zweite über „die Dekoration einer arianischen
Basilika des 5. Jahrhunderts" die von Ricimer gestif-
teten aber i. J. 1589 oder 1592 zerstörten Mosaiken
der Apsis von S. Agata in Suburra zu Rom, nach den
in der Vaticana vorhandenen Kopien derselben von
Ciacconio beschreibt — und der dritte „die Legende
Karl's d. Gr. in der Kunst des Mittelalters", vorzugs-
weise in der Rückwirkung der Schöpfungen der Poesie
auf jene der bildenden Kunst behandelt. In der
letzten Studie über „die irischen und anglosächsischen
Miniaturen" liefert der Verfasser den Nachweis, dafs
die für dieselben charakteristische Ornamentik nicht,
wie bisher allgemein angenommen ward, das Erzeug-
nifs der autochtonen Phantasie sei, sondern sich aus
verschiedenen Elementen ihr zeitlich vorangehender
Stilweisen zusammensetze, wovon die Bänderverschlin-
gungen, Mäander und sonstigen geometrischen Motive
schon der römischen, die Spiralen vielleicht der kel-
tischen und die phantastischen Thiergestalten der früh-
germanischen Kunst angehörten, so dafs der früh-
mittelalterlichen irischen Kunst nur das Verdienst der
Verschmelzung dieser entlehnten Elemente zu einein
einheitlichen Stil zugemessen werden dürfe.
Stuttgart. C. v. Fabriczy.
Achtundvierzig religiöse Bilder in Farben-
druck. Freiburg 1887, Herder. 1 M.
Diese 110 mm hohen, 73 mm breiten Bildchen ver-
dienen wegen ihrer klaren Zeichnung und einfachen
Farbengebung warme Empfehlung. Sie sind nieist von
Steinle oder Seitz entworfen, deren Namen für ihren
Werth bürgt. In der Ausführung ahmen sie alte kolo-
rirte Holzschnitte nach und suchen demnach,
weit entfernt von jener weichen, heute so verbreiteten
Art, mit kerniger Kraft etwas echt Volkstümliches
zu bieten. Am besten gelungen sind die Darstellungen
der Kreuzigung, des heil. Franz von Assisi, der heil. Wal-
burga und der heil. Nothburga. Hoffentlich wird ein
starker Absatz es ermöglichen, den Preis so billig zu
stellen, dafs er den anderer, weniger ernst ausgeführter
Heiligenbildchen nicht übersteigt. Der hier einge-
schlagene Weg dürfte der einzig richtige sein. Möchte
die Verlagshandlung ihn weiter verfolgen und die vor-
trefflichen Aussichten, welche ihre neuen Heiligen-
bildchen eröffnen, durch Fortschreiten auf dieser Bahn
und durch noch schärferes Betonen des Stiles kolo-
rirter Holzschnitte verwirklichen! Besonders das
Bild „Lasset die Kindlein zu mir kommen" weicht
leider in der Ausführung von den übrigen ab, weil es
zu viele Figuren zeigt und einer einfachen Komposition
entbehrt. Indessen darf man nie vergessen, dafs überall,
wo neue Versuche gewagt werden, einzelne weniger
gelungene Ergebnisse zu Tage treten.' Es kommt hier
darauf an, die Tendenz des neuen Unternehmens zu be-
sprechen und diese mit Freuden zu begrüfsen. S. 13.


