Zeitschrift für christliche Kunst — 5.1892

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1892. — ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST

Nr. 9.

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also an der engsten Stelle, haben die Fenster
eine lichte Weite von 90:65 cm. Vor jenem
Anschlag befand sich, auf der äufseren, nicht
geschmiegten Fensterbank ruhend, der ehemalige
Verschlufs, welcher wahrscheinlich nicht aus einer
durchbrochenen Steinplatte, sondern aus einem
Holzrahmen mit Glasfüllung bestanden hat.10)
Während in den oben genannten Zeichnungen die
Fensterform nach dieser Angabe einigermafsen
berichtigt werden könnte, ist noch ein anderer
sehr bemerkenswert her Umstand weder von Olt-
mans noch von Hermann erwähnt und in den
Oltmanschen Zeichnungen nicht ganz genügend
berücksichtigt worden. Der westliche Vorbau
mufste nämlich, wenn er in angemessenenBreiten-
verhältnissen errichtet werden sollte, von den
anschliefsenden Seiten des Umganges einen Theil
abschneiden, so dafs sie kleiner wurden als die
anderen Seiten. Um das letztere zu verhindern
und um die Blendbögen auch hier in halbrunder
(nicht überhöhter) Form konstruiren zu können,
hat man die äufseren Mauerecken nicht regel-
mäfsig, d. h. den inneren Ecken des Umganges
entsprechend und mit diesen in ein und dem-
selben Radius liegend angelegt, sondern etwas
nach Süd- bezw. Nordosten verlegt. Hierdurch
ist indes der Uebelstand erwachsen, dafs die
regelmäfsig, d. h. in der Mitte der inneren Mauer-
seite befindlichen Fenster mit den äufseren Blend-
bögen nicht konzentrisch sind. Bei der nächst-
folgenden in Fig. 3 Nr. 3 bezeichneten Wand ist
noch eine gleiche, bei der zweitnächstfolgenden
eine geringere Abweichung von der regelmäfsi-
gen Form zu erkennen, bis dann die letztere
bei der in der Querachse liegenden Wand (Nr. 5)
wieder zur vollen Geltung gelangt.

Als eine besondere Merkwürdigkeit hat Olt-
mans den Umstand bezeichnet, dafs die Scheitel
der älteren Kreuzgewölbe des Umganges, dort
wo sie mit der Wand des Mittelbaues zusammen-
treffen, bei weitem niedriger sind als an der Um-
fassungsmauer des Umganges. Es ist dies aber
offenbar nicht ursprünglich so gewesen, sondern
eine Folge stärkerer Senkung des mittleren Baues.

Wie der letztere und der erwähnte nordwest-
liche Theil des Umganges, so scheint auch der
westliche vielfach ausgebesserte Vorbau mit seinen
Gewölben dem ursprünglichen Bau anzugehören,

10) Dafs Glasfenster schon in karolingischer Zeit
nicht selten waren, geht aus den von Schlosser
»Quellenschr.« veröffentlichten Urkunden 240, 595, 771,
870, 971, 1098, 1099 hervor.

vielleicht auch die (zur Zeit) vom Putz bedeckten
und noch nicht untersuchten Gewölbe in den
bei 1 bis 6 des unteren und bei 1 des oberen
Umganges liegenden Jochen (s. Fig. 3). Auch die
Würfelkapitäle mit ihren geschmiegten Deck-
platten in den Bogenöffnungen des oberen Um-
ganges gehören, wie Hermann wohl mit Recht
angenommen hat, mit einigen der Schafte und
attischen Basen (ohne Eckblätter) zum ursprüng-
lichen Bau. Wie es scheint, sind sie nach einer
Zerstörung dort wieder eingesetzt, nachdem u. a.
auch die Mauerbank, auf welcher die Säulen
ruhen, hinzugefügt worden ist.

Die Entstehung der Pfalzkapelle wird sowohl
von Oltmans als auch von Hermann auf Karl
den Grofsen zurückgeführt, welcher dort in den
Jahren 777, 790, 804, 806 und 808, meist zur
Osterzeit verweilt habe (s. die Regesten aus der
Geschichte der Pfalz bei Hermann a.a. O. S. 92 ff.,
vgl. S. 105; desgleichen bei Oltmans S. 12 ff.).
Während der Aachener Bau bekanntlich inner-
halb der Jahre 796 bis 804 errichtet ist, glaubt
Hermann die Vollendung der Nymweger Ka-
pelle, weil sie weit einfacher und im Mittelraum
nicht überwölbt gewesen sei, sogar noch früher,
d. h. in das Jahr 777 versetzen zu dürfen. Die
Berechtigung dieser Annahme würde aber aus
verschiedenen Gründen zu bezweifeln sein. Die
Nymwegener Kapelle ist freilich viel kleiner
und einfacher als der Aachener Bau. Zur Ent-
stehung der bescheideneren Raumverhältnisse
können aber sehr wohl örtliche und noch viele
andere Umstände beigetragen haben, ohne dafs
man gerade eine frühere Bauzeit anzunehmen
braucht. Insbesondere dürfte eine flache, zierlich
ausgebildete Holzdecke zum Abschlüsse eines
Centralraumes von nur ca. 6,20 m Lichtweite
geeigneter sein als eine schwere ein gewisses
Strebesystem erforderliche Kuppel, mindestens
hier verhältnifsmäfsig besser wirken als bei einem
grofsen monumentalen Bau. Wären beide Werke
von annähernd gleicher Gröfse, das eine aber
bei allgemeiner Uebereinstimmung in der Raum-
anlage konstruktiv und formal wesentlich ein-
facher gebildet, so würde man eher berechtigt
sein, bei dem letzteren auf technisches Unver-
mögen und auf eine frühere Entstehungszeit
zu schliefsen.

Die Uebereinstimmung beider Bauten, soweit
sie im Uebrigen vorhanden ist, berechtigen noch
nicht einmal, ein und denselben Bauherrn an-
zunehmen. Die Burg ist von den Normannen
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