Zeitschrift für christliche Kunst — 5.1892

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1802. — ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST — Nr. 12.

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lieh etwas noch seltener gewordenen, reliefartig
gehaltenen Bucheinbände auf und gehe endlich
weiter zu den Flügelthüren der gothischen
Altäre über.1)

Gehen wir nun auf Grund dieser Motive
näher auf den Bau der Bilderrahmen ein! Zu-
erst sei bemerkt, dafs wir uns den gewöhnlichen
Rahmen als vier schmale Flächen denken, welche
rechtwinklige und nicht unterschnittene Ränder
haben. Da der Rahmen den Zweck hat, das
Bild von der Umgebung abzutrennen und den
Blick schärfer auf dasselbe zu lenken, so ergibt
sich von selbst, dafs der Innenrand schief gegen
das Bild sich neigen soll, besonders wenn dieses
etwas tiefer zu stehen kommt. Die schwächste
Abfassung des Innenrandes besteht in einem
zarten Viertelstäbchen. Es können alle vier
Seiten gleich behandelt sein, aber bedeutend
besser steht, wenn der untere Rand eine Fase,
einen Wasserschlag, zeigt, wie uns dies die
Flügelthüren vieler Altäre aufweisen. Durch
Hereinziehung von Hohlkehlen mit Fasen können
sich die drei oberen Seiten leicht reicher ent-
wickeln. An den äufseren glatten Flächen wird
meist nur vermittelst Farbe, wie wir gleich sehen
werden, ein reicherer Schmuck angestrebt und
auch erreicht. In breiteren Hohlkehlen sind
freistehende, um Stäbe gewundene Blätter ver-
schiedener Art angebracht, welche im Mittelalter
nur Reliefs einnahmen, wie z. B. an der Innen-
seite der Flügelthüren, während die Profile an
der Aufsenseite um die Tafelgemälde sehr schlicht
erscheinen, meist nur aus einer Hohlkehlez wischen
zwei Fasen oder aus einer Hohlkehle in Ver-
bindung mit einem zarten Stäbchen bestehen.
Stets festzuhalten wäre, dafs jedes Ornament an
den Körper des Rahmens architektonisch sich
anschliefse und nicht an denselben wie angeklebt
erscheine. Wollten die Alten den übertheil des
Rahmens reich verzieren, so hielten sie das Bild
etwas kürzer und füllten den Raum darüber mit
flachem, zart geschnitztem Laubwerk aus, das sich
zu beiden Seiten an den Rahmen enge anschlofs.

Nicht minder wichtig und schwierig wie der
Bau und das Ornament ist auch die Farbe des
Bilderrahmens. In dieser Beziehung ist es in
unseren Tagen soweit gekommen, dafs beinahe
Jedermann vollkommen befriedigt wird, wenn der

') [In Uebereinstimmung mit ihnen sind die kleinen
Devotionsbilder behandelt, von denen sich aus der
spätgothischen Periode noch manche in der ursprüng-
lichen Fassung erhalten haben. D. H.]

Rahmen eines Bildes nur hübsch vergoldet ist!
Aber hierin liegt für sehr viele Fälle ein grofser
Irrthum, denn gegen die Vergoldung mufs oft
allerlei eingewendet werden; nicht jedoch, als
ob sie für allgemein verwerflich wäre. Für die
Masse der leichtfertigen und kraftlosen mo-
dernen Bilder ist sie in der Regel gut und sie
thut in vielen Fällen das, was man von ihr er-
wartet, nicht blofs zum Scheine, sondern in Wirk-
lichkeit, das nämlich, dafs sie das Bild fertig
macht oder vollendet. Die modernen Bilder
sind durchweg greller in den Tönen, bunter in
den Farben, stärker in den Gegensätzen und
darum unharmonischer. Nun kommt mit seinem
Scheine der goldene Rahmen und wirft den
gleichmäfsigen Schimmer über die Gegensätze,
sie gewissermafsen versöhnend und mit diesem
Einheitsschimmer in Harmonie bringend, wo-
durch eben der Eindruck der Vollendung er-
reicht werden soll. Ist das Bild aber schon an
sich charakteristisch kräftig und harmonisch
durchgeführt, warm im Tone und milde in den
Gegensätzen, so kann ihm der goldene Rahmen
auch schaden, indem er das Auge blendet und
das Gefühl für die volle Kraft und Schönheit des
Bildes abstumpft und unempfindlich macht. In
dieser Lage befinden sich viele der alten oder der
in ihrem Geiste durchgeführten neuesten Bilder.
Die älteren Künstler, selbst bis ins XVIII. Jahrh.
herauf haben auch nicht goldene Rahmen für
ihre Leistungen für nothwendig gehalten. Der
gröfste Theil der älteren Rahmen sind wohl erst
in späterer Zeit vergoldet worden, denn ihre
Meister haben ihnen die Naturfarbe des Holzes2)
gelassen und Gold mit Farben, roth, blau, grün
damit nur in Verbindung gebracht. An den
Flügelthüren der alten Altäre finden wir die Fläche
häufig roth-braun mit aufgesetzten zerstreuten
goldenen Blumen, die Hohlkehle in gebrochenem
Weifs, auch blau, und hart am Bilde nur ein
schwaches vergoldetes Stäbchen.

Wie viele andere Fragen auf dem religiösen
Kunstgebiete noch nicht befriedigt gelöst, so
gilt dies auch bezüglich der Bilderrahmen, so
dafs weitere Studien an alten Originalen sehr
wünschenswerth wären, sollen die Bilder durch
ihre Einfassung in der Wirkung gehoben werden,
wenigstens in derselben nichts einbüfsen.

Terlan. Karl Atz.

2) [Diese dürfte sich aber, wie auch im Mittelalter selten
verwendet (d. h. unbemalt gelassen), nur als Ausnahme
bezw. für ganz einfache Verhältnisse empfehlen. D. H.]
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