Zeitschrift für christliche Kunst — 9.1896

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1896. — ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST - Nr. 3.

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seite aufgetragenen leichten, grofsblättrigen Da-
mast geschmackvoll belebt. Um die Schultern
legt sich die Ordenskette vom hl. Hubertus.

Die Art der Auffassung, der künstlerischen
und technischen Behandlung ist an diesen
drei Figuren meisterhaft vollendet. Gesichter
und Gewandung sind sorgfältig durchgearbeitet.

Die nächsten neun Felder bieten den Raum
für die Kreuzigungsgruppe, welche auf der
Lichtdrucktafel wiedergegeben ist. Wenn schon
bisher viel Grisaille angewandt wurde, so
kommt dasselbe hier noch mehr zur Geltung.

Die Landschaft mit merkwürdig geformten
Bergen und Hügeln, mit einzelnen Bäumen
und Büschen ist nur andeutungsweise durchge-
führt und ohne Rücksicht auf den Verlauf der
Hauptumrifslinien willkürlich ausgrofsen Stücken
weifsen Glases zusammengesetzt. Trotz mangeln-
der Perspektive, trotz verschobener Gröfsenver-
hältnisse der landschaftlichen Einzelheiten bietet
diese leichte Staffage doch einen äufserst wir-
kungsvollen Hintergrund für die Gruppe. Die
Luft ist aus blauem Glase geschnitten und
leicht gewölkt; einige Gebäude sind roth und
braunviolett, zwei Bäume grün; rechts im
Hintergrunde ist ein Städtebild, wie die übrige
Landschaft weifs gehalten.

In der Mitte der Darstellung erblickt man
den Heiland am gelben Kreuzesstamm hängend.
Die Modellirung des kraftvollen Christuskör-
pers ist, abgesehen von einigen anatomischen
Unrichtigkeiten in der Zeichnung, vorzüglich
durchgeführt, der leicht nach der Seite geneigte
Kopf geradezu vollendet schön. Auch technisch
ist dieser Christus ein Meisterwerk. Mit sicheren
kräftigen Pinselstrichen ist die Modellirung in
Schraffirmanier durchgeführt. Ein aus schat-
tirtem Roth geschnittener Nimbus läfst das
Haupt wirkungsvoll hervortreten. Das Lenden-
tuch ist aus einem anderen „Weifs" geschnitten
als der Körper.

Zur Rechten des Gekreuzigten steht Maria
das Gesicht vom Kreuze abgewendet und den
Kopf leicht geneigt. Die Züge zeigen den
Ausdruck schmerzvoller Ergebenheit. Untei dem
gelben Kopftuch quellen gelbe Haarlocken her-
vor. Das weifse in schönen Falten herab-
fallende Gewand läfst das blaue Unterkleid nur
in beschränkter Ausdehnung hervorblicken.
Zur Linken des Heilandes steht der Lieblings-
jünger. Der weifse Mantel bedeckt zum gröfs-

ten Theile das rothe Untergewand. Ueppiger
Haarwuchs umrahmt das volle Gesicht. Ein
gelber Nimbus krönt das machtvolle Haupt. Die
ganze Darstellung, von gezinnten Arkadenbögen
überragt, ist von grofsartiger Wirkung.

Die oberen sechs Fächer und die Spitzen
zeigen die Fortsetzung der unteren lmtzenfüllung.

Von dem dritten Chorfenster waren nur
noch einige Tafeln erhalten. Rechts im zweiten
Feld ein Wappen, im vierten die Beine eines
liegenden Christus, also wohl Reste einer Pietä,
im sechsten eine Architektur. Links in drei
Fächern die ziemlich erhaltene Darstellung der
h. Dreifaltigkeit. Die Figuren sind hier in
geringeren Gröfsenverhältnissen gezeichnet als
in den beiden ersten Fenstern.

Die letzte Gruppe zeigt uns unter spät-
gothischer Architektur Gott Vater, die Tiara,
auf dem Haupte, den an einem gelben An-
toniuskreuz hängenden Christus in den Händen.
Die Schultern Gott Vaters tragen einen tief-
rothen goldberänderten Mantel. Nimbus und
Krone sind mit Silbergelb ausgelegt. Zweierlei
Blau bildet den Hintergrund, oben in dunklerer
Schattirung mit zartem radirten Damast, unten
hinter Gott Vater ein lichtes Blau mit grofsem
Blattmuster. Ueber der linken Schulter des
Heilandes schwebt der hl. Geist in Gestalt der
Taube.

Die seitlichen Felder mit den Ueberresten
einer Pietä wurden stil- und sachgemäfs er-
gänzt, wobei ein ungefähr gleichalteriges Glas-
gemälde aus der Kirche zu Montmorency will-
kommene Anhaltspunkte bot.

Die Donatoren-Bildnisse sind nach deren
Feststellung noch beizufügen, in einer An-
ordnung wie im ersten Fenster. Das fehlende
Wappen ist jedenfalls das Wappen des Herrn
von Burscheid, des Schwiegervaters Bertrams
von Nesselrode. Das Maafswerk bewahrt das
Lamm Gottes und zwei Weihrauchfässer
schwingende Engel; die Ausführung ist grau
in Grau unter geschickter Anwendung von
Silbergelb.

Das vierte Chorfenster zeigt keine figürlichen
Darstellungen. In einem Fach fand sich ein
Rest phantastischer Architektur mit einer stark
ornamental gehaltenen kleinen Darstellung des
hl. Hubertus vor dem Hirsch. Eine einfache
Butzenfüllung soll dieses Fenster schliefsen.

I.innich.

Heinrich Oidtmann.
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