Zeitschrift für christliche Kunst — 9.1896

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1896.

ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST — Nr 10-

320

Glücksrad-Kalender für Zeit und Ewigkeit.

XVII. Jahrgang 18i>7, St. Norbertus - Verlags.

handlung in Wien. Preis 70 Pf.
Auch diesem neuen Jahrgang des beliebten Familien-
kalenders darf sowohl in Bezug auf seine belehrenden,
unterhaltenden, erbauenden Erzählungen und Unter-
weisungen, wie auch in Betreff seiner Illustrationen,
ein gutes Zeugnifs ausgestellt werden, obwohl letztere
an Ernst und Strenge denjenigen in den früheren
Jahrgängen nicht gleichkommen, denen vornehmlich
Klein seinen Stempel aufprägte. Dem Farbendrucke
von Geiger: „Das schlummernde Jesuskind" und den
Autotypien: „Heil der Kranken" und „Zuflucht der
Sünder" desselben Künstlers, sowie den 4 Federzeich-
nungen von Grünnes „Das apostolische Glaubens-
bekenntnifs" darf gute Komposition und sorgfältige
Ausführung nachgerühmt werden und „der gute Hirte"
von Trenkwald ist eine ansprechende Gestalt. h.

Der Kunstverlag von B. Kuhlen in M.-Glad-
bach hat seinen Farbenbilderschatz wieder um manche
beachtenswerthe Exemplare vermehrt. Unter diesen
zeichnen Gröfse und Farbenreichthum die als mit den
Pontifikalgewändern bekleidete Leiche, wie sie unter
dem Altare in Nocera ruht, dargestellte feierliche Ge-
stalt des hl. Alp hon s von Liguori aus, auf fein
gezeichnetem, aber etwas zu stark betontem Hinter-
grunde. — Kleiner aber figurenreich ist das Arme-
seelenbild, dessen Komposition unten nicht recht
organisch gelöst, dessen Draperie etwas herb, dessen
Färbung aber meisterhaft ist. Sein Pendant, der
hl. Antonius, zeigt die gemüthvolle, erbauliche
Art Salentins. — Die zahlreichen Duodezbildchen,
welche theils einzelne besonders populäre Heilige, theils
Begebenheiten aus dem Leben heiliger Prämonstra-
lenser vorführen, bezeichnen einen Fortschritt im Sinne
technischer Bravour, aber nicht gröfserer Strenge, und
dafs diese Konzession an den Geschmack nöthig isl,
wenn das Publikum nicht zu ganz verwässerten und
verweichlichten Produkten greifen soll, wie sie jetzt
namentlich von Berlin aus verbreitet werden, ist recht
unerfreulich. — Dafs aber diese Konzession durchaus
nicht eine allgemeine und beständige sein soll, beweist
die soeben vollendete 11. Beuroner Serie, welche auf
Goldgrund und mit farbigem Rändchen sehr volks-
thUmliche Heilige darstellt (Joseph, Johann. B., Anna,
Agnes, Mathilde, Elisabeth, Sebaslianus, Augustinus,
Franziskus, Antonius, Aloysius, Alphonsus), eine in
Bezug auf die Wiedergabe der feinen Zeichnung und
Färbung staunenswerthe Leistung.

Aus d e in V e r 1 a g e v on Julius Schmidt in
Florenz sind wiederum zwei überaus liebliche Bilder
hervorgegangen, Farbenholzschnitte von Knöfler, von
denen das eine als Medaillon die wunderschöne Ein-
zelgruppe rechts aus der Krönung Mariens von
Fiesole in Florenz unter dem Titel „Ave Regina"
reproduzirt (der die Gruppe links später folgen soll),
das andere oben abgerundet, die reizende Kinder-
gruppe aus der hl. F'amilie von Pinturicchio in Siena,
den hl. Johannes und das Jesuskind, mit der Unter-

schrift „Ecce Agnus Dei". Um wie viel übertreffen
diese so erhabenen und doch so naiven Gestalten die
meisten neueren Erzeugnisse! Für den Zweck des
Rahmens, den sie vollauf verdienen, ist aber das
weifse Papier welches sie umgibt, sehr störend, daher
ornamentale, aber korrekt gehaltene Füllung der
Zwickel sehr wünschenswerlh, denn die Anfertigung
runder oder abgerundeter Rahmen ist umständlich und
kostspielig.

Die Verlagsanstalt der S o c i e t e" de St.
August in zu Tournai ergänzt beständig die gewaltige
Reihe ihrer Heiligenbilder, die eine grofse Stufenleiter
von Formaten aufweisen bis zum gröfsten Folio, und
den religiösen Anliegen und Bedürfnissen der Zeit in
dankbarster Weise entgegenkommen. Das grofse Blatt,
welches die Ueberlragung des Rosenkranzes an
den hl. Dominikus mit Rosenranken und den Me-
daillons der fünfzehn Geheimnisse umfafst, ist eine
zart empfundene, gut gezeichnete, harmonisch kolo.
rirte Darstellung im flandrischen Miniaturenstil des
ausgehenden XIV. Jahrh. — Die Taufe Chlod-
wigs durch den hl. Remigius, eine sehr figuren-
reicl.e Tafel, ist in etwas früherer Stilart fast zu
duftig gehalten in technisch meisterhafter Abtönung.
— Die Herabkunft des Jesuskindes auf die Arme des
hl. Antonius läfst an Anmuth der Zeichnung und
Färbung kaum etwas zu wünschen übrig. —• Fast
noch vornehmer ist mit Ausnahme des zu auffällig
gemusterten Grundes das Brustbild des hl. Philip-
pus Neri, dessen spälgothische Medaillonmaafswerk-
krönung vorzüglich wirkt. — Von minder geschickter
Hand sind im gothisirenden italienischen Stile gri-
sailleartig die Stationsbilder ausgeführt, sowie
die Gruppenbilder der hl. Familie, von denen vier
verschiedene Gröfsen vorliegen, vom Duodez bis zum
Grofsfolio, die bei Ideatitat der Zeichnung farblich
einige Verschiedenheiten aufweisen. Dafs die architek-
tonische Fafsung und namentlich die viel zu schema-
tische Faltenbehandlung zu Klagen Veranlassung geben,
ist um so bedauerlicher, als die Farbenstimmung, die
hellere wie die dunklere kaum etwas zu wünschen
übrig läfst, wenn nicht etwa vom Standpunkte des
deutschen Geschmackes durchweg etwas kräftigere
Töne erwünscht sind.



Die Societe St. J ean l'Evangelist e zu Tour-
nai liefert drei durch Gröfse, Stil und Ausführung
verschiedene Kanontafeln, von denen die gröfste,
im romanischen Stile gehalten, mit bunter Borte und
stilistisch dazu nicht passender Abendmahlsdarstellung
weder durch ihre Zeichnung, noch durch ihre Färbung
zu befriedigen vermag. — Desto uneingeschränkteres
Lob kann der zweitgröfsten gespendet werden, die
in ihrer farbenreichen Rankenbordüre, wie in ihren
Initialen und Figurenbildchen den feineren flandrischen
Miniaturenstil des XV. Jahrh. vortrefflich nachahmt
und zu ihrer unmittelbar dem Rande sich anschliefsenden
Fassung nur eines schmalen Rahmens bedarf. — Die
kleinste und weil nur aus Schwarz und Roth gebildet,
wohlfeilste Tafel ist ein Meisterstück der Typographie
mit Einschlufs der ganz korrekten Initialen und Bildchen,
die sich in ausgezeichneter Weise ergänzen. H.
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