Zeitschrift für christliche Kunst — 11.1898

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1898. — ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST — Nr. 8.

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Studien zu Giovanni da Fiesole.
I. Verterunt se memoriae.

(Fortsetzung.)

iebenundzwanzig Jahre seines Künst-
lerlebens hat Fra Angelico Florenz
angehört; denn der Aufenthalt in
dem fast vor den Thoren der Haupt-
stadt liegenden und von ihrem Geiste berührten
Fiesole zählt dazu. Es ist die reichste und viel-
seitigste Zeit seines Schaffens. Giovanni da Fie-
sole ist ganz ein florentinischer Meister.

Obschon die geschichtlichen Aufzeichnungen
der Zeitgenossen über ihn schweigen, mufs
er doch in dem Kunstleben der Medicäerstadt
eine anerkannte und hervorragende Stellung
eingenommen haben. Die Menge der ehren-
vollen und bedeutenden Aufträge, die ihm
trotz der strengen klösterlichen Zurückgezogen-
heit zuflössen, beweist es. Die Kirchen der
verschiedensten Orden wetteiferten, Bilder von
seiner Hand zu erhalten; Bruderschaften und
Zünfte liefsen ihre Standarten und Altäre
durch seinen Pinsel schmücken; in den Bürger-
häusern sah noch ein Jahrhundert nachher
Vasari so zahlreiche Gemälde von ihm, dafs
er sein Erstaunen über die Fruchtbarkeit des
Mönches nicht unterdrücken konnte.1) Seine
Kunst fand Verehrer gerade in jenen geistlichen
und weltlichen Kreisen, in denen fortgeschrit-
tener Geschmack und feine Bildung herrschten,
die Medici selbst nicht ausgeschlossen, während
die gedankenlosen Freunde der ausgelebten
giottesken Malerei sich mit den handwerks-
mäfsigen Erzeugnissen eines Bicci di Lorenzo
begnügten.2) Nach Masaccios frühem Tode,

J) Vasari II, 512.

2) Nach den von Milanesi „Commentario alla vita
di Lorenzo di Bicci" (Vasari II, 63 sgg.) zusammen-
gestellten Arbeiten des Bicci, ist dieser vorwiegend
für einfache Bürger, die ihre Familienkapellen in
Florentiner Kirchen ausstatten wollen, oder für Kirchen
aufserhalb Florenz' thätig. Fiesole arbeitet mehr für
die von der neuen geistigen Strömung erfafsten
florentinischen Ordenshäuser und für die kunst-
sinnigen Mäcenaten aus dem Hause Medici. So für
Cosimo die grofse Kreuzigung des Kapitelsaales in
S. Marco (Vasari II, 507), für Piero die Thüren des
Armariums in der Annunziata (ib. 511); die Sammlung
Lorenzos il Magnifico zählte vier Gemälde Angelicos
(Müntz »La collection des MeMicis au XV1' siecle
p. 60, 04, 85. Vergl. »Revue de l'art chr<§tien« XXXVII,
371). Die Leinwandhändler, die soeben einen neuen
prächtigen Zunftpalast aufgeführt hatten, hielten es für
erforderlich, ihn mit einem grofsen Werke des Frate, dem

und da Masolino durch seine Arbeiten in Ober-
italien ferngehalten wurde, war er neben Filippo
Lippi der tonangebende Meister in Florenz.
Vor dieser Thatsache beugte sich frühzeitig sogar
der Neid der Kunstgenossen. Als im Jahre
1438 Domenico Veneziano sich bei Cosimo
de'Medici um die Ausführung einer Altartafel
bewarb, versprach er eine Leistung wie die der
„guten Meister" Fra Filippo und Fra Giovanni
und fügt hinzu, dafs diese selbst durch ander-
weitige Arbeiten ganz in Anspruch genommen
seien.8)

Auch aufserhalb Toskanas gewann sein Name
Klang und Wert. In der Bemerkung Vasaris,
dafs „Fra Giovannis Ruf durch ganz Italien
bekannt und gefeiert" sei,4) mag man immerhin
eine ohne viel Nachdenken hingeworfene Phrase
sehen. Aber wir wissen doch auch, dafs, als
Papst Eugen IV. dem verfallenden Rom neuen
Glanz durch die Kunst verleihen und den
Vatikan mit Fresken zieren wollte, er keinen
Bessern fand, als den Mönch von S. Marco.
Und bekannt ist auch, wie man in Orvieto seine
Berufung zu den Arbeiten im Dome damit be-
gründete, dafs er „berühmt sei, mehr als alle
andern italienischen Maler".5) So kam es der
hochtönenden Redeweise des humanistischen
Jahrhunderts nicht als Uebertreibung vor, wenn
die Inschrift auf seinem von Papst Nikolaus V.,
dem Begründer des päpstlichen Mäcenates,
selbst gesetzten Grabmale ihn „gleichsam als
zweiten Apelles" pries.6) Richtiger freilich und
der geschichtlichen Stellung des Künstlers ent-

berühmten Triptychon der Uffizien, auszuschmücken
und liefsen es sich den bedeutenden Preis von 190 Gold-
gulden kosten, unter der Bedingung, dafs es ganz
von des Meisters Hand wäre (Baldinucci »Opere«,
Milano 1811, V, 160).

3) Gaye »Carteggio inedito d'artisti dei secoli
XIV, XV, XVI (Firenze 1839), Vol. I, nr. XLIX,
p. 136 sg.

<) Vasari II, 516.

s) Milanesi „Commentario alla vita di Frate
Giovanni da Fiesole" (Vasari II, 531).

6) Die oft gedruckte Grabschrift bei Beissei
S. 94. Leandro Alberti »De viris illustribus ord.
Praed.« Bononiae 1517, cf. Cartier «Vie de Fra
Angelico« (Paris 1857), p. 348 (Alberti selbst steht mir
nicht zu Gebote) sagt, dafs der Papst das Denkmal
setzen liefs, nicht aber, wie Cartier will, dafs er auch
die Inschrift verfafst habe.
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