Zeitschrift für christliche Kunst — 16.1903

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1903.

ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST — Nr. 5.

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Die Emporbühnen der Lettner dienten aufser
zur Aufstellung von Sängerchören besonders
— und daher stammt ja auch ihr Name: Lett-
ner = lectorium — zur Verlesung der Evan-
gelien. Dafs auch der Lettner von Valeria in
gleicher Weise Verwendung gefunden hat, das
bezeugen die der Brüstung auf der Epistel-
und Evangelienseite aufgesetzten Lesepulte.
Der Umstand, dafs sie auf der Chorseite der
Bühne angeordnet sind, bekundet, dafs sie
lediglich für den Chorgottesdienst bestimmt
waren. In den Abbild. 7—9 stellen sich die-
selben in der Ansicht nach innen und von der
Seite und im Querschnitt dar. Das Evangelien-
pult ist kleiner als das Epistelpult. Während
das erstere nur nach der Aufsenseite hin mit
einem aus Hohlkehle, Plättchen, Karnies und
oberer Platte zusammengesetzten Profil ausladet,
ist bei dem Epistelpult das nach aufsen aus-
ladende Profil, aus Schmiege, Plättchen, Rund-
stab und oberer Platte bestehend, in seiner mitt-
leren Partie auch auf der Dreiecksfläche der
Seitenansicht (Abb. 8) eingekerbt, so dafs man
den Anschein eines sich öffnenden Buches erhält.
Als bildnerischer Schmuck der Lettner ist
das Triumphkreuz ein stets wiederkehrendes
Motiv. In Valeria ist ein solches mit dem
Lettner in unmittelbare Verbindung gesetzt.
Ein 5'/2 m hohes Holzkreuz ist mit seinem
Fufspunkt hier direkt auf die Emporbühne ge-
setzt. Zu beiden Seiten des Kreuzes stehen
die Figuren der Muttergottes und des Lieblings-
jünglings. Das Kreuz ist auf das Jahr 1526 da-
tiert. Derselben Zeit gehören auch die nicht
ganz in Lebensgröfse gehaltenen, gegen 1,50 m
hohen Figuren an. Es sind schöne Arbeiten
spätgotischen Charakters in wirkungsvoller
Wiedergabe der Affekte.14)

Die 1,66 m hohen Säulen, welche die Fi-
guren tragen, sind an ihrem Schaft in spiral-
förmigen Windungen gerippt; ihre Basis setzt
sich aus Plinthe, hoher, durch einen vorsprin-
genden Steg geteilter Hohlkehle und oberem
Rundstab zusammen. Bei dem Kapitell, das
nach oben ins Achteck übergeht, besteht die
Profilierung aus geripptem Rundstab, Kelch und
der aus Rundstab zwischen zwei Plättchen ge-
bildeten Deckplatte. Die Säulen sind in ihrem
untern Teile in die nur 20 cm starke Brüstungs-
mauer mit ihrer halben Stärke eingelassen.

Der Lettner ist in Gipsbeton ausgeführt; seine
Herstellung ist eine ziemlich sorglose. Es tritt
dies zu Tage in der ungleichen Achsenweite der
seitlichen Arkaden, die zwischen 1,43 und
1,52 m variiert, besonders aber in der in der
Abbildung 5 sich zeigenden Divergenz der bei-
den oberen Gesimse, die nicht, wie man meinen
könnte, auf perspektivischer Verkürzung beruht,
sondern tatsächlich besteht.

Um den Blick in das Chor frei zu machen,
wurde bereits zu Ende des XVII. und im Laufe
des XVIII. Jahrh. ein grofser Teil der Lettner
zerstört oder bei Seite gesetzt: ein Beginnen,
welches leider auch im XIX. Jahrh. noch fort-
gesetzt worden ist und als — hoffentlich —
letztes Opfer den unter dem Namen Apostel-
gang bekannten herrlichen gotischen Lettner
des Domes von Münster gefordert hat.15) Diese
Einbufse, die der Bestand der Lettner erfahren
hat, macht es erklärlich, dafs die Zahl der
Lettner, die noch in die romanische, bezw. in
die nur allein in Betracht kommende spät-
romanische Periode hinaufgehen, eine ganz mi-
nimale ist, dafs aber auch frühgotische Lettner
nur recht spärlich erhalten sind. Wie der Lettner
von Valeria wegen seiner eigenartigen Gestaltung
ein weitergehendes Interesse beansprucht, so
kommt ihm somit im Hinblick auf seine frühe
Entstehungszeit, die ihn als den ältesten Lettner
der Schweiz und auch unter den überhaupt be-
kannten Lettnern16) als einen der frühesten er-
scheinen läfst, eine besondere Bedeutung zu.

Es wäre dankbar zu begrüfsen, wenn
die noch aufrechtstehenden, oder in Resten
oder in Abbildungen auf uns gekommenen
Lettner eine zusammenfassende Behandlung
fänden. Eine solche Arbeit, lohnend wie sie
nach verschiedenen Gesichtspunkten hin ist,
würde namentlich auch von der Vielseitigkeit
ein Bild geben, mit der das Mittelalter die
gleiche Aufgabe in immer neuer Weise ge-
löst hat.

Bonn-Kessenich. W. Elf mann.

14) Ihre Schönheit kommt in der kleinen Abbil-
dung Fig. 4 allerdingt nicht zur Geltung.

n) Über den im Jahre 1870 abgebrochenen Apostel-
gang von Münster vergl. meine Abhandlung in »Aus
Westfalens Vergangenheit« (Münster 1893).

1G) Ziemlich vollständige Aufzählung der im deut-
schen Sprachgebiet bekannten Lettner bei Otte-
Wernike »Handbuch der kirchlichen Kunstarchäo-
logie« f>. Aufl., I. Bd , S. 50 ff. (Leipzig 1888). Eine
auch die aufserdeutschen Länder berücksichtigende
kurze, aber instruktive Behandlung der Lettner bei
Dehio-Bezold »Die kirchliche Baukunst des Abend-
landes«. H. Band. Stuttgart 1901. S. 28 ff.
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