Zeitschrift für christliche Kunst — 16.1903

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1903.

ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST — Nr. 7.

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lebhaften Farbenmusterung einen prächtigen
Eindruck gemacht haben.

2. Der zweite Teppich von gröfserer Länge,
210 X 135 cm, ist, wie schon bemerkt, dem
ersten im Dekor des Mittelfeldes fast gleich.
Abweichend ist aber bei ihm die Farbenzu-
sammenstellung. Mattes Grün, Blau und Gelb
rufen bei ihm eine kühle, vornehme Wirkung
hervor, während bei dem ersten Teppich kräf-
tiges Rot und Gelb ziemlich stark den Ge-
samteindruck beherrschen. Der Grund des
grofsen Mittelsternes ist auch hier Gold, die
Füllung des Seitengrundes Silber, Eckstücke
fehlen. Das Mittelstück erscheint als abge-
rundetes Oblongum mit kleinen Vorsprüngen
an den Langseiten, gröfseren Vorsprüngen an
den Schmalseiten; die sarazenischen Blumen
haben grün geränderte gelbe Blätter und weifsen
Fruchtboden, anderswo weifse und blaue Blätter.

Die Borte weicht von der des ersten Tep-
pichs ab. Die bald nach aufsen und innen
gestellten grofsen sarazenischen Blumen in
blauer, gelber, brauner und weifser Farbe wer-
den von Partisanen eingeschlossen; zwischen
je zwei solcher Blumen ist eine Art Knospe
eingefügt. Die sarazenischen Blumen sind hier
weit feiner gezeichnet als die plumperen und
breiteren Blumen des ersteren Teppichs. Ganz
aufsen läuft eine sehr schmale Borte hin, welche
ein stilisiertes Blumenmuster in weifsem und
als Gegensatz dazu auf den Schmalseiten in
blauem, auf den Langseiten in braunem Grunde
zeigt.

Auch dieser Teppich ist leider besonders
in der Mitte der Langseiten fast bis zur Un-
kenntlichkeit zerstört und läfst seine frühere
Pracht nur noch ahnen.

3. Zwei andere Teppiche erweisen sich als
Gebetsteppiche, sogenannt, weil sie in der
Mitte ein Abbild der Gebetsnische, des Mih-
räb, enthalten, welche sich in jeder türkischen
Moschee befindet, um die südliche Richtung
nach Mekka und seinem Nationalheiligtum, der
Kaaba, anzuzeigen. Vor ihr und mit dem Ge-
sichte ihr zugewendet nimmt der Vorbeter
seinen Platz, und seinen Bewegungen folgt die
hinter ihm stehende Gemeinde.4) In der älteren
Zeit erscheint die Gebetsnische, wenn sie auf
Teppichen abgebildet wird, gewöhnlich im
Spitzbogen oder auch in einfachen oder huf-

*) Karabacek »Die persische Nadelarbeit Su-
sandschird«. (Leipzig 1881.) S. 124.

eisenförmigem Rundbogen überdeckt, weshalb
persische Dichter mit Beziehung auf seine
schön geschwungenen Linien die Augen der
Geliebten gerne mit der Gebetsr ische ver-
glichen. In der älteren Architektur wird der
Spitzbogen sehr steil gestellt, im XVI. bis
XVIII. Jahrh. dagegen flach gedrückt. Mit
solchen Gebetsteppichen wurden in den Mo-
scheen die Gebetsnische und andere innere
Teile verhüllt und bekleidet.5) Gebetsteppiche
braucht der Araber und Türke auch heute
noch, wenn er sein Gebet verrichtet.6) Diese
Gebetsteppiche gehören nach Bode im allge-
meinen den jüngsten Erzeugnissen der älteren
Teppichwebereien des Ostens an.7)

Die beiden zu Frauenburg befindlichen Ge-
betsteppiche sind ebenso wie der später zu
beschreibende fünfte Teppich Wollenteppiche.
Der erste, 168 x 123 cm, noch gut erhalten, mit
lebhaften frischen Farben, hat auf der einen
Schmalseite gelbe Franzen. Die Gebetsnische
hat eine bereits sehr abgeschwächte, weil von
den Webern nicht mehr verstandene Form.
Ursprünglich gab man der Gebetsnische auf
den Teppichen, durch die Technik der Teppich-
fabrikation beeinflufst, ein steiles Spitzdach:
der Spitzbogen wurde zum einfachen Dache.
Spätere Nachbildungen schweifen dagegen in
sinnlose phantastische Formen aus, indem sie
die Grundform mit erdrückendem Beiwerk um-
geben oder völlig entstellen, z. B. zinnenartige
Seitenteile ansetzen, das Dach aus einer wage-
rechten Zickzacklinie bilden, den Kleeblatt-
bogen mit mittlerem spitzbogigen Teile be-
nützen, Bögen aus fünf zackenartig zusammen-
gesetzten Kreisteilen oder durch treppenartiges
Aufsteigen der Dachwände sogar Stalaktiten-
wölbung anwenden.8) Auch hier erscheint als
Bedachung der Gebetsnische der Spitzgiebel,
jedoch dreiteilig als Zickzackgiebel, der in der
Mitte höher hinaufreicht und durch zwei Säulen
gestützt wird.9) Indessen auch diese Säulen
haben ihre eigentliche Bedeutung verloren. Es
fehlt ihnen das Fundament, vielmehr spitzen
sie sich nach unten zu, und statt einer Base

s) Karabacek S. 173 u. ff.

6) J. Dukas-The odassos »Im Zeichen des
Halbmondes«, Bachern (Köln. o.J.) S. 17.

7) daselbst S. 78.

8) Karabacek S 126, 127.

*) Ähnlich ist die Form des Giebels bei Bode
Abb. 50.
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