Zeitschrift für christliche Kunst — 16.1903

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1903. — ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST — Nr. 7.

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Die kunsthistorische Ausstellung in Düsseldorf.

XV. (Mit 2 Abbildungen.)

30. Figurierte Teppichwirkerei des XV.
Jahrh., Samml. Clemens (Kat. Nr. 2530).
Dieser Wandteppich, (Abbildung lj 165 cm
breit, 85 cm hoch, stellt auf ganz dunkel-
blauem Grunde sieben gekrönte Jungfrauen
dar, die gemartert werden, rechts und links
von einer aufsteigenden Rankenborte einge-
fafst, die je von einem Wappenschild mit
Helmzier (Kress und Waldstromer, die 1415
bezw. 1425 gestorben sein sollen) ausgeht.
Sechs eingewirkte Majuskelinschriften bezeich-
nen die am Oberkörper etwas entkleideten
Märtyrinnen, während die mittlere, ganz be-
kleidet, auch ohne Überschrift, sofort als die
hl. Margaretha sich 2U erkennen gibt. — Sehr
merkwürdig und gar drastisch, echt mittelalterlich,
weil ungemein anschaulich, ist die Art, wie die
Martyrien zumeist durch den Hintergrund be-
herrschende Hände mit den betreffenden, dem
Körper angelegten Werkzeugen dargestellt wer-
den; s'. benedickta, mit ihren aufgerichteten
Händen an einen Querbalken genagelt, wird
an der einen Seite mit Beil und Geifsel bear-
beitet, so dass rinnweise das Blut fliefst; ihr zu-
gewandt erscheint, halb schwebend über Flam-
men, s'. cristina mit zwei Pfeilen in der Brust,
Gewicht um den Hals, und mit dem Messer,
welches von der einen, mit dem Kratzer, den von
der anderen Seite je eine Hand gegen sie rich-
tet. In ähnlicher Weise wird von beiden Seiten
s\ apolonia mifshandelt durch Messer, Zange
und Augenbohrer. — In der Mitte kniet, das
lange Laken vorzüglich teilend, weil die Mono-
tonie der Standfiguren aufhebend, die hl. Mar-
garetha, die erstaunt mit gefaltenen Händen
das Rad verehrt, auf welches sie geflochten
werden sollte von den unten zwischen den
Balken eingeklemmten, weil vom Blitze durch
zahllose Funken erschlagenen Henkern. — Ihr
zugekehrt erscheint s'. barbara, in der Rechten
ihr Hauptattribut, Kelch mit der hl. Hostie,
neben dem eine Hand mit Kratzer heraus-
kommt, eine zweite auf der anderen Seite,
eine dritte mit Hammer am Kopf. Neben
s\ repra (reparata), der die Seele in
Taubenform entfliegt, liegt vertikal eine Winde,
welche ihr den Darm aufwickelt, während eine
Hand das Messer gegen ihre Brust zückt; da-
neben s'. favsta mit langer Säge horizontal

vor dem Leib, und mit langen Nägeln in Stirne,
Brust und Händen. — Die Marterdarstellungen
lassen mithin an Deutlichkeit nichts zu wünschen
übrig, und dafs die Sprache, die hier beabsichtigt
ist, so unmittelbar und ergreifend wirkt, ist ein
Beweis für die Geschicklichkeit des Zeichners,
dem es zugleich gelungen ist, in der geraden
Haltung und dem offenen Blick die überirdische
Geduld der auf blumigem Rasen stehenden
Blutzeugen lieblich zum Ausdruck zu bringen,
also die Macht des Glaubens in leicht verständ-
licher Weise zu illustrieren. — Der Wirker mit
seiner Haute-lisse-Technik verdient alle Aner-
kennung für die Virtuosität, mit der er die
Zeichnung in Wolle ausgeführt hat, wie für die
Wahl der Farben, die durchaus einfach und
diskret ist, daher auch von ganz harmonischer
Wirkung. Der Fond ist dunkelblau und in den
Figuren wechseln Hellblau, Grün und Rot
derart miteinander ab, dafs sie entweder den
Mantel oder das Futter beherrschen, dessen scharfe
Wirkung wesentlich zur Klarheit der für eine
gewisse Entfernung bestimmten Darstellungen
beiträgt; die Nimben, sowie die Holzteile haben
gelbe Tonung, und nur vereinzelt ist Silber
eingewirkt, nämlich für die Kronen wie für alle
Metallgegenstände, also für einzelne Attribute. —
Der gut erhaltene farbenfrische Teppich dürfte
in Nürnberg in den 20er Jahren des XV.
Jahrh., wo die Stifter ansässig waren, ausge-
führt sein; einzelne schwere Sackfalten und
Gewandzipfel beruhen noch auf älteren Tra-
ditionen, diese werden aber von späteren
Motiven überholt, wie sie namentlich im mehr-
fachen Parallelgefält, so wie in den Haarflechten
etc. sich verraten. Schnutgen.

31. Gestickte Agraffe auf der Vorder-
seite der Braunfelser Kasel des Für-
sten Solms (Katalog Nr. 786a).
Die in den kunsthistorischen Ausstellungen
zu Düsseldorf 1880 und 1902 so viel bewun-
derte und doch (wohl infolge der eigentümlichen
Schwierigkeiten, die ihre Erklärung bietet) noch
immer nicht veröffentlichte Braunfelser
Kasel, ohne Zweifel eine englische Arbeit
aus der IL Hälfte des XIII. Jahrb., hat auf
ihrer Vorderseite ein gesticktes hochgotisches
Schmuckstück, welches, seiner Seltenheit wegen,
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