Zeitschrift für christliche Kunst — 17.1904

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1904. — ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST — Nr. 1.

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Die kunsthistorische Ausstellung in Düsseldorf.

XXI. (Mit Abbildung.)

38. Sitzende Elfenbeinmadonna fran-
zösischen Ursprungs im Bischöflichen
Museum zu Münster (Katalog Nr. 558).
In sehr geschickter Verwendung des Ele-
phantenzahns ist diese 18,5 cm hohe Madon-
nenfigur fast vollrund
herausgeschnitzt, so dafs
der Stuhl, auf dem sie
sitzt, halbrund ist, mit Ein-
schlufs der den fünf Seg-
menten eines achteckigen
Sternes ähnlichen Rücken-
lehne. Der Kopf der Ma-
donna ist breit, daher der
Schädel stark betont, die
Distanz zwischen den bei-
den Schlitzaugen unge-
wöhnlich grofs, der breite
Mund an der Seite zu
lächelnder Miene aufswärts
gezogen. Um dieses von
stark gewellten Haarsträh-
nen eingerahmte Haupt ist
ein kurzer Schleier gewor-
fen, den aber ein Stirn-
band (ursprünglich wohl
Zinnenkrone) zusammen-
fafst. Der Hals ist stark
gebaut, der Abfall der
Schultern nicht so schlank,
wie gewöhnlich, und auf
denselben machen sich die
Zipfel des Mantels bemerk-
bar, die durch eine über
die Brust herabfallende
Kette gehalten werden. An
diese Kette greift in na-
iver Geberde das auf dem
linken Knie der Mutter
hockende Kind, welches etwas manieriert das
breite krollige Köpfchen hält, über der Tunika
einen Mantel tragend, auf dem an der Schulter
die linke plumpe Hand der Mutter ruht, deren
Rechte, nur noch ein formloser Stumpf, viel-
leicht das Zepter hielt. Da der Künstler offen-
bar ein besonderer Liebhaber und Meister
des Faltenwurfes war, so hat er ihn hier sehr
gepflegt, und nicht leicht wird ein Schofs gefun-
den werden, der in einem solchen Reichtum und

Ebenmafs die Draperie gestaltet zeigt, als bei
dieser Madonna, nicht leicht in so gefälliger
Umhüllung das Knie, als bei diesem Kinde.
Nicht in schematischer Weise scheinen hier
die Sack- und Schleiffalten geordnet, sondern
in durchaus selbständigem
Gefüge, und die Art, wie
sie in ungewöhnlichem
Tiefschnitt sich entwickeln,
bald flach, bald etwas
wulstig, immer gefällig und
harmonisch, verdient be-
sondere Beachtung. Dafs
dieses edle Figürchen in
Frankreich in der ersten
Hälfte des XIV. Jahrh.
entstanden ist, kann kei-
nem Zweifel unterliegen.
Dafs unser Figürchen auch
in der diskreten Art, mit
welcher das Elfenbein hin-
sichtlich der Färbung be-
handelt zu werden pflegte,
koloriert war, versteht sich
eigentlich von selbst, er-
gibt sich aber auch aus
den erhalten gebliebenen
Resten, wie sie in dem
Gold der Mantelkette, in
dem grünlichen Ärmel-
futter, sowie in dem röt-
lichen Polimentgrund für
die Vergoldung der Haare
noch deutlich genug er-
kennbar sind.

Schon seit dem Schlufs
des XII. Jahrh. waren diese
sitzenden Madonnen in
Frankreich ungemein be-
liebt; fast immer sitzt das ganz bekleidete
Kind, von der linken Hand der Mutter ge-
halten, auf deren linken Knie, wie diese, nach
vorne schauend mit länglichem Gesicht, das
auch der Mutter eignet, und schmale Pa-
rallelfalten gliedern die Gewänder. Erst all-
mählich ergab sich, im Fortschritt des Natu-
ralismus, die freiere Bewegung des Kindes im
Spiel mit der Mutter, das rundliche Antlitz, die
schwerere Drapierung. Schnuigen.
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