Zeitschrift für christliche Kunst — 17.1904

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1904. — ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST - Nr. 2.

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bald zu Sklaven ihrer Lüste und Begierden
und durch der Glücksgöttin unbeständige
Gaben noch unglücklicher geworden, sehen
sich, vom Laster umgarnt, gar bald dem
Schmerze, der Betrübnis, dem Jammer und der
Verzweiflung überantwortet. Manchem naht
zeitig helfend die Reue — aller aber harren
fortgesetzt Mühen und stets sich erneuernde
Gefahren, bis endlich von jenen, welche durch
die wahre Herzensbildung geführt und durch
die Enthaltsamkeit und die Beharrlichkeit ge-
stärkt, der Wohnort der Seligen erreicht wird.

In diesem, einem kostbar gefafsten Juwel
vergleichbaren Gemälde ist nun alles Häfsliche
und Gemeine vollständig ausgeschlossen. Und
wenn sich auch um die Verführung, die Unwissen-
heit, den Irrtum, die Prahlerei und die Begierde
eine Schar von Dirnen mannichfachen Aussehens
mit erkünstelten Manieren drängen, so erregen
dieselben doch trotz der verdächtigsten Personi-
fikationen keinerlei Anstofs. Dagegen erscheinen
die wahre Bildung, die Wahrheit, die Erkenntnis,
die Mannheit, Gerechtigkeitsliebe, Mäfsigung,
Sittsamkeit, Freimütigkeit, Milde, Enthaltsam-
keit und Beharrlichkeit wohlgestaltet, glänzend
von Gesundheit und kräftigem Körper, sittsam,
schmucklos und ohne üppige Kleidung. Sie
geleiten die Aufsteigenden, ermutigen sie und
leihen ihnen Kraft und Stütze, bis sie in einem
heiligen Haine auf strahlender Aue, dem Wohn-
ort der Seligen, zur Glückseligkeit gelangen:
einer schönen Frau von gesetztem Aussehen,
in ungekünsteltem Schmucke und einfachem
Gewände, die, umgeben von den anderen
Tugenden, den bis hierher Gelangten mit ihren
Gaben schmückt, wie den Sieger im Kampf-
spiele.

Also auch hier, wo sich so viele Gelegen-
heit bot, das Nackte zur Darstellung zu bringen,
vermied man es, aber nur darum, weil man
von der Kunst höher dachte, weil man, wie
Winckelmann1) sagt, „den Weg zum Göttlichen
durch die Kunst", nicht durch die Nacktheit
suchte und man sich bewufst war und blieb,
dafs die Kunst eine Art Offenbarung der
Götter an die Menschen war; sagt doch auch
Schiller:*)

„Dein Wissen teilest du mit vorgezognen Geistern,
»Die Kunst, o Mensch, hast du allein."

') F. G. Welcker, »Griechische Götterlehre«,
Bd- II, S. 107.

a) »Die Künstler«.

So ward also die Kunst dem Menschen
nicht etwa nur zu vorübergehendem, die Tiefe
der Seele nimmer berührenden Empfinden ge-
geben, sie diente demselben nicht lediglich
zum Vergnügen und Sinnengenufs, vielmehr
wollte die Gottheit durch die Wirkung des Ewig-
Schönen den Menschen zu tieferem religiösen
Sinnen und Denken führen, um ihn in voller
Harmonie seines Wesens über das Endliche
hinaus ins Unendliche, über das Sinnliche ins
Übersinnliche hinüberzuleiten. Daher auch zeigt
sich selbst die nicht-religiöse Kunst in dem
mit der religiösen Kunst vollständig eins, sagt
Gügler,8) was das Wesen der Kunst ausmacht.
Das Wesen der Kunst aber beruhet auf einem
vollkommenen Bewufstsein des höchsten, aus
der Tiefe der Gottheit entspringenden Gesetzes,
jenes belebenden und beseelenden Gesetzes,
welches, allem Geschaffenen innewohnend4)
und einzig den Fortbestand der Dinge sichernd,
gleich einem unerschöpflichen Quell, wenn-
gleich auch immer spendend, doch nimmer
versiegt.

Die sich somit in der Kunst offenbarende
vollkommene Verbindung aller Geistes- und
Sinnenkräfte, die das Urbildliche und voll-
endet Menschliche darzustellen gestattet, läfst
daher auch das Göttliche der in diesem Sinne
vollendeten Natur erkennen. Doch aus diesen
hohen Gaben, aus diesem so bevorzugten Ver-
mögen, erwachsen nicht minder schwere
Pflichten, was des Dichters freundliche Mahnung
dem Künstler mit dem Worte kündet:

.Der Menschheit Würde ist in eure Hand gegeben:

.Bewahret sie!

„Sie sinkt mit euch! Mit euch wird sie sich heben! "6)

Wer nun aber in Verkennung dieser Ver-
hältnisse, seine eigne Würde vergessend, seinen
Mitmenschen kränkt oder gar zu Verfehlung
Anlafs gibt, entweiht die Kunst — macht sich
frevelhafter Mifsachtung der ihm obliegenden
Pflichten schuldig und versündigt sich nicht
etwa nur in dem Verführten, sondern trifft in
ihm die ganze Familie — die Gesellschaft und
den Staat. — Mahnungen, Warnungen, Dro-
hungen und Strafen füllen im Altertume die
Werke der Weisen und gar die streng gehand-

') »Die heilige Kunst, oder die Kunst der Hebräer.»
Von A. Gügler. (Landshut, 1814.) — Bd. I, S. 64.

*) .Denn von ihm und durch ihn und in ihm
(im Griech. „für ihn") ist alles." Rom. 11, 36.

') Ebendaselbst.
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