Zeitschrift für christliche Kunst — 17.1904

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1904. — ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST — Nr. 4.

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aber findet sich eine Darstellung der Geburt
Christi, in der wir das Grundmotiv für die Ge-
wölbebilder zu erblicken haben.22) Bezeichnend

\b

22) In deutlichster Weise bekundet dies ein Tafel-
gemälde (Nr. 51) der k. Galerie Schleiisheim (uro
1440), auf welches schon Riehl »Oberbayerisches
Archiv« IL, (1895 — 1896) S. 100 und Walcheg-
ger a. a. O. S. 65 hingewiesen haben. Nachdem
von Schlosser dieser Tafel im Zusammenhange
mit einer ähnlichen Miniatur der ehemaligen Ambraser
Sammlung im >Jahrbuch der Sammlung des aller-
höchsten Kaiserhauses« XXIII, (1902), S. 288 ff. eine
eingehende Besprechung widmete, beschränke ich
mich darauf zu erwähnen, dafs hier die Geburt Christi
inmitten von 18 derartigen Beweisen angeordnet ist.
Es kommen hierzu vier typologische Darstellungen
aus dem alten Testamente, Aaron mit der blühenden
Rute, Gideon mit dem Vliese, Moses am feurigen
Busch und die porta clausa des Ezechiel. Wir er-
gänzen von Schlosser durch die Notiz, dafs das
Schleifsheimer Bild (nach gütiger Mitteilung des Herrn
Konservators Bever) aus Kloster Ottobeuren stammt.
(H. 1,07 m, Br. 0,79 m). Zu verweisen ist hier noch
auf eine Anzahl ähnlicher Darstellungen, die Alwin
Schultz in der »Legende vom Leben der Jungfrau
Maria» (1878), S. 50 aufführt, ferner auf ein Block-
buch von Friedrich Walthern aus Nördlingen
von 1470, (Xyl. 34 der Münchener Hof- und Staats-
bibliothek). Hier einschlägige typologische Neben-
einanderstellung bieten vier Holzreliefs des bayerischen
Nationalmuseums (Katolog Nr. VII, N. 685 bis 688),
auf welchen Szenen aus dem Marienleben alttesta-
mentlichen Darstellungen mit Moses, Aaron, Gideon
usw. entsprechen. Die Reliefs dürften fränkisch sein.

ist, dafs zwei Stifter der Gemälde Nikolaus
Vigessel, gest. 1427, und Gregor Sybar, gest.
1446,23) Chorherren zu U. L. Frau in Brixen
waren. Die Todesdaten können nur in wei-
teren Grenzen für die Entstehungszeit der Bilder
angesehen werden. Triftige stilistische Gründe,
die Gemälde „etwas tief in die zweite Hälfte
des XV. Jahrh. zu setzen"24) erscheinen mir
jedoch nicht gegeben. Als äufserste Zeitgrenze
nach unten nehme ich 1460 an.

Ähnlich nun wie in den Brixener Kreuz-
gangbildern wird noch mehrfach in Bildwerken
des Mittelalters die jungfräuliche Mutter Maria
durch Gleichnisse verteidigt, wenn auch meines
Wissens nirgends mehr mit so vielen Belegen.

(Forts, folgt.)
München. Philipp M. Halm.

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Die zonenartige Verteilung der Gleichnisse auf dem
Schleifsheimer Bilde und die Art wie die einzelnen
Szenen in scharfen Kanten als viereckige Bilder gegen-
einander absetzen, legt die Vermutung nahe, dais das
Bild nach älteren Vorbildern, etwa Holztafeldrucken

; komponiert oder besser gesagt kombiniert wurde.

**) Ich ziehe entgegen der Annahme Walchegger

1 (S. 64) namentlich der besseren räumlichen Verteilung
der Buchstaben halber sexto statt tertio, also 1446
statt 1443 vor. Ob der dritte Stifter Konrad von

j Neuenburg, gest. 1424, Benefiziat von St. Oswald,

i ebenfalls Chorherr zu U. L. Frau war?
*<) Walchegger a. a O. S. 68.

Bücherschau.

Zur Entstehung der altchristlichen Ba-
silika hat Prof. Dr. AI. Riegl im Jahrbuch der
k. k. Zentralkommission für Kunst- und historische
Denkmale (Bd. I 1903) eine Studie veröffentlicht, die
neue Gesichtspunkte hervorkehrt unter Bezugnahme
auf die gegenwärtige Diskussion über „Spätrömisch"
und „Orientalisch" (auch hinsichtlich des Aachener
Münsters). Die christliche Basilika ist ihm eine freie
künstlerische Schöpfung der Altchristen aus Elementen,
die ihnen mit den Heiden gemeinsam waren vermöge
des sie mit diesen hinsichtlich der letzten Ziele ver-
knüpfenden Kunstwollens. Um dieses zu beweisen,
sucht er zunächst den praktischen Zweck klar zu
machen, dem die christliche Basilika zu dienen hatte
als die Stätte, an welcher die Gemeinde an der
erlösenden Wirkung des von den Priestern darge-
brachten Mefsopfers teilnahm. Sodann bezeichnet
er den Zentralbau als den ausgesprochenen Monu-
mentalbau def Römer, der für das Mysterium der
Christen die Vorbedingung bot, und zwar in der Halbie-
rung als Apsis, weil der Versammlungsraum der Ge-
meinde daran anzuschliefsen war. Für ihn war die
antike Halle das geeignetste Vorbild, zumal in der
Form, in der sie durch die Marktbasilika geboten

war, bei der die bedeckten Säulenhallen die Haupt-
sache bildeten, nicht das ungedeckte Mittelschiff.
Diesen Hof zu überdecken, empfanden die Christen
bald als Notwendigkeit, nicht minder den Hinwegfall
der Säulenhallen an den Schmalseiten, aber unter Bei-
behaltung des in den Seitenschiffen gebotenen kon-
stitutiven Elementes, so dais ursprünglich der Blick aus
diesen in diese, also durch das Mittelschiff hindurch
der prinzipale war. Wie das letztere allmählich zum
Hauptschiff wurde durch das Hervorrücken der Schola
cantorum von der Apsis aus, sodann durch seine An-
füllung mit Altären legt der Verfasser dar, des
Weiteren betonend, dafs die so langsam sich voll-
ziehende Emanzipation des Gemeinderaumes im christ-
lichen Orient viel früher vor sich ging, als im Abend-
lande. — Mit steigendem Interesse folgt man den
geistvollen Erörterungen, die überall die künstleri-
schen Gesichtspunkte in den Vordergrund schieben
und die brennende Frage aus dem Bereiche der
äufseren Analogien hinauf zu heben suchen in die
Sphäre der inneren, auch der ästhetischen Einflüsse und
Beziehungen, in die mancherlei Eigentümlichkeiten der
verschiedenen Kircheneinrichtungen hineinspielen, nicht
selten auch individuelle, sogar zufällige Umstände. B.
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