Zeitschrift für christliche Kunst — 17.1904

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1904. — ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST — Nr. G.

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Misericord

ekanntlich suchte das Mittelalter seit
dem XIV. Iahrh. das grofse Leiden
des Herrn in einer ergreifenden
Darstellung wiederzugeben, von
Mittelitalien bis nach Norddeutschland, sei es
als Wandbild oder zum Schmucke der Predella
an den Altarwerken. In Tirol allein zählt man
heute noch trotz des fast gänzlichen Ausver-
kaufs aller beweglichen Kunstwerke mehrere
Bildtafeln und an 20 Fresken, wo der „grofse
Schmerzensmann" dargestellt wird. Im Kreuz-
gange am Dome zu Brixen und in der Kirche
von Terlan kehrt dieses beliebte Andachtsbild
der Alten zweimal wieder. Bald sieht man
den leidenden Heiland entblöfst bis auf das
häufig flatternde Hüftetuch in ganzer Gestalt
vorgestellt, bald im Grabe stehend oder nur
als Brustbild, gemalt oder geschnitzt, ein paar-
mal auch in Stein gearbeitet Bei figuren-
reicheren Kompositionen finden wir Maria und
Johannes in Begleitung des Leidenden, welche
klagend dessen Arme leicht emporhalten; auch
zwei Engel versehen diesen Liebesdienst. In
Terlan halten letztere einen Teppich im Hinter-
grund ausgebreitet.

Eigenartig ausgebildet findet sich das Miseri-
cordiabild in ganzer Figur an eine paar Fassaden-
bemalungen. Die romanische Kapelle des
Schlosses Weineck oder der alten Stadtburg
von Bozen, frei unter denselben sich erhebend,
aufsen wie innen reich bemalt, zeigt an der
Fassade folgende Fresken. Links vom Portal
teilt St. Martin, ein blondhaariger wunder-
schöner Jüngling, seinen Mantel mit dem Bettler,
rechts übergibt St. Oswald seine Frau einem
Pilger (vergl. die Legende). Über dem Portal
nimmt die ganze Breite der Fassade eine eigen-
artige Szene ein: Im Vordergrund steht niedrig
am Boden eine Bettstatt und darin liegt aus-
gestreckt, teilweise mit Tüchern bedeckt, eine
schlanke, abgemagerte, männliche Figur, die
Hände flehend ausgestreckt, denn Hilfe scheint
dem Leidenden sehr not zu tun. Von seinem
Munde geht ein Schriftband nach links zu
Maria, welche in nobler Stellung von altem
Meister wiedergegeben wird. Von der hl.
Jungfrau zieht sich ein langes Schriftband quer
rechts hinüber zu Christus der in ganz nackter
Gestalt seine Wiindenmale zeigt. Er sendet

ia-Bilder.

auch ein Schriftband von sich aufwärts zu Gott
Vater, der in ernster Majestät zu oberst
des Gemäldes erscheint. Zu bedauern ist, dafs
gar kein Wort auf den Schriftbändern zu lesen
ist. Zu äufserst links schliefst das Ganze das
Bild des Patrons der Kirche, der hl. Bischof
Vigilius von Trient und rechts Anna selbdritt
ab. Allgemein wird das Fresko in den Anfang
des XV. Jahrh. versetzt und dem Hans Stotzin-
ger von Bozen zugeschrieben, der sich an ver-
wandten Wandgemälden zu Terlan unterzeichnet
hat. Eine ähnliche Verbindung des Miseri-
cordiabildes mit Maria und Gott Vater kehrt
am Torturm der alten Burg in Gries bei Bozen
wieder, gemalt gleich, nachdem am Beginn des
XV. Jahrh. diese Veste den Augustinern, die
in der Nähe ihr altes Heim räumen mufsten,
vom Landesherrn überlassen worden war.
Leider hat man durch dieses in jeder Be-
ziehung tüchtig behandelte Gemälde später
eine Tür ausgebrochen und davor einen Balkon
gebaut. Man sieht nur noch links Katharinas
Vermählung mit dem Christkinde in gar lieb-
licher Art und Weise, rechts den Leidens-
mann, der von. Gott Vater gesegnet wird.
Was die Mitte des Bildes hier wiedergab,
ist spurlos verschwunden. Es läfst sich
wiederum die Hand des genannten Meisters
hier vermuten.

Die Fassade der St. Stephanskirche in Pinzon,
6 Stunden südlich von Bozen, bietet eine dritte
verwandte Szene. Hier kniet Christus neben
seinem Grabe, von den Leidenswerkzeugen
im Hintergrund umgeben, er zeigt flehend zu
Gott Vater, auf seine Seitenwunde hin, um
Gnade zu erwirken für die gegenüber unter
dem Schutzmantel Mariens stehenden Hilfs-
bedürftigen, denn Gott Vater ist im Begriffe
auf sie Pfeile herabzuschiefsen. Auch hier läfst
der Künstler ein langes Schriftband von der
Himmelskönigin zu ihrem göttlichen Sohne
hinüberflattern. Tüchtig in der Komposition
wie in der Farbenstimmung und Technik er-
weist sich wiederum dieses Gemälde der Bo-
zener Malschule aus dem XV. Jahrh., ob wir
aber nicht an einen anderen Meister als an
den genannten denken müssen, wird kaum
streitbar sein.

Terlan. Karl Atz.
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