Zeitschrift für christliche Kunst — 19.1906

Seite: 245
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1906. ■

ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST — Nr. 8.

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Arundo mit Triangel.

(Mit Abbildung.)

n der römischen Liturgie wird am
Karsamstag zur Weihe der Oster-
kerze „arundo cum tribus candelis
in summitate, triangulo distinctis"—
ein Schilf mit drei auf der Spitze im
Dreieck aufgesteckten Kerzen — ver-
wendet. Da es sich hier um ein
Symbol handelt, welches der christ-
lichen, näher der liturgischen Kunst
eigen ist, so lohnt es sich, die Ein-
richtung dieses Symbols näher zu be-
leuchten.

1. Arundo heißt Schilf, Rohr und
wird in Italien in besonderen Gehegen
künstlich angepflanzt und erhält eine
Höhe von 3—5 Metern. Diese Gehege
heißen arundinetum (Du Cange). Man
sieht kleinere Stücke häufig als Stützen
der Weinreben. Weder bei den alt-
christlichen noch bei den mittelalter-
lichen Liturgikern findet man den Arundo
erwähnt; erst im XV. Ordo romanus
n. 78 von Peter Amely, Bischof von
Senegal (Sinigaglia) -j- 1401, steht er
unter den Rubriken des Karsamstags,
ebenso wieder in den Spezialrubriken
des von Pius V. revidierten und zu Rom
1570 gedruckten Missale.

Nicht ohne Grund ist ein Schilf vor-
geschrieben, weil der Schilf die Eigen-
tümlichkeit hat, bei Sturmwind sich zu
beugen und darnach unversehrt sich
wieder zu erheben. So eignet er sich
zu einem Symbol des auferstandenen
Christus, welcher in verklärter Schön-
heit am Ostermorgen aus dem Grabe
sich erhob. Es leuchtet daher ein, daß
ein hölzerner Stab oder gar ein Eisen-
stab weder der Vorschrift noch der
Intention der Kirche entspricht. Der
Arundo drückt denselben Gedanken aus,
welcher die weiße Wachskerze aus-
spricht, welche nach der Matutin in den
letzten drei Tagen der Karwoche unter
oder hinter dem Altare verborgen und bren-
nend wieder dem Volke gezeigt wird.

Nach den Rubricisten Merati, Bauldry soll
das Rohr ungefähr 10 Palmen, d. h. 1—2 Meter
betragen. Solche Rohre sind derzeit ohne
Schwierigkeit in größeren Kolonialgeschäften

k^j.

zu erhalten, sei es daß sie unter dem Namen
Bambusrohre aus Indien oder aus Italien stammen.
2. Noch merkwürdiger als der Arundo ist
die auf demselben aufgesteckte Kerze. Dieselbe
soll aus einer einzigen Wachskerze
bestehen und nach oben in drei Kerzen
sich teilen. Der eine gemeinsame Teil
stellt die Einheit Gottes und die drei
aus dem gemeinsamen Stamme heraus-
wachsenden Arme die Dreifaltigkeit dar.
Es ist daher ganz mißverstanden,
wenn man nur drei Kerzen wie auf
einem dreiarmigen Tafelleuchter auf-
steckt, weil der Ursprung aus einem
einheitlichen Wesensstoffe fehlt; ebenso
ist es mißverstanden, die drei Kerzen
in gerader Linie nebeneinander 2-1-3
aufzustecken, statt in Dreiecksform V,

3

weil bei ersterer Anordnung die Neben-
kerzen als untergeordnet erscheinen.
Nur bei der Form eines gleichschenk-
ligen Dreiecks treten die drei göttlichen
Personen als koordiniert und gleich-
wesentlich hervor. (Abb.)

Man könnte noch fragen, warum
bei dem Symbole des auferstandenen
Christus alle drei Personen als beteiligt
erscheinen. Die Antwort gibt Römer 6,4
in der Erklärung. Christ us sei von den
Toten auferweckt worden durch den
Geist durch die Herrlichkeit desVaters.
Wenn man diese Symbolik ins Auge
faßt, kann man nur staunen über die
tiefsinnige Bedeutung eines so einfachen
Kerzenrohres. Kann es ein besseres
Mittel geben, um den Kindern im
katechetischen Unterrichte das größte
aller Geheimnisse, die Einheit und Drei-
faltigkeit Gottes, anschaulich zu erklären
als einen korrekt ausgeführten Triangel
auf seinem Arundo ? Die Griechen haben
in dem Trikir dasselbe Symbol wie wir,
sie gehen aber noch weiter, indem sie in
einem zweiarmigen Leuchter (Dikir) noch die
göttliche und menschliche Natur Christi dar-
stellen und auf solche Weise ihren orthodoxen
Glauben gegenüber den Monophysiten zum
Ausdruck bringen. So können sich Kult und
Kunst gegenseitig dienen.

München.

Andreas Schmid.
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