Zeitschrift für christliche Kunst — 21.1908

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!908. — ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST — Nr. 5.

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Guarrazar entdeckt, dem Madrider und Cluny-
Museum den berühmten Schatz lieferte.

Soll über die Ursprungszeit der vorstehend
beschriebenen fünf Kreuze, welche an die
nieliierten Goldkreuze im Schatze von Monza
erinnern, noch ein Urteil abgegeben werden,
so wird sie mit dem Fortwirken der spät-
römischen Traditionen in der fränkischen
und karolingischen Periode in Verbindung zu
setzen sein. Die Ornamentik paßt vollkommen
in den Kreis dieser Traditionen, die figür-
lichen Darstellungen sind mit ihnen ganz ver-
einbar, und der, wie es scheint, beglaubigte
Fundort bestätigt durchaus diese Vermutungen.

Abb. 6. Gemmenkreuz von 22 cm Höhe,
besteht aus zwei starkvergoldeten Kupferplatten
mit zahlreich ausgeschnittenen ovalen Löchern,
die nur zur Hälfte den Schmuck von Berg-
kristallen und blauen bezw. violetten Glas-
flüssen bewahrt haben. In die obere, ganz
dünne Platte wurden die Öffnungen nach Maß-
gabe der zu fassenden Cabochons derart
durchgetrieben, daß die übrig gebliebenen
Ränder der Form derselben ganz genau sich an-
paßten, um an- und eingedrückt ihnen als
Fassungen zu dienen. Diesen entsprechen auf
der etwas stärkeren rückseitigen Platte ganz
genau, sorgsamst und scharf ausgeschnittene
Löcher, welche die hier flachen Gläser durch-
scheinen lassen zu einer noch jetzt überaus
feinen Wirkung, bei der die verschiedenen
Töne durch ihre harmonische Gruppierung
sich geltend machen. — In derselben Sauber-
keit der Technik, aber viel schmuckvoller ist
die Vorderseite behandelt, indem ihr rückseits
zahlreiche Ornamente mit dem Punzen ein-
getrieben sind. Als eine Art von Perlstab
umziehen sie das ganze Kreuz, wie die ein-
zelnen Steinfassungen, namentlich die größere
der Mitte, die, vielleicht in einer Kamee oder
in sonstigem Kleinod bestehend, leider ver-
schwunden ist. Durch ähnliche Ziseliertechnik
sind auch die zahlreichen Rosettchen gebildet,
die zwischen den bunten Steinen als Gold-
knöpfe den Grund beleben und jene ihrer
Isoliertheit entheben. Sie bestehen, je nach
der Lücke, die sie auszufüllen haben, in Drei-
blättern, in Sternen, in Schnecken, die den Ein-
druck frei empfundener Handtätigkeit machen
und die ohnehin schon durch die organische
Verbindung von Fond und Steinschmuck er-
reichte vornehme Wirkung noch erhöhen. So

erscheinen sie als die Vorläufer der Filigran-
technik, die erst in der Spätzeit der fränkischen
Periode in die Schmucktechnik eintretend, vor-
nehmlich bei den Agraffen zur Verwendung
gelangte. Solche sind auffallenderweise in der
fränkischen Hauptstadt Köln nicht gefunden
worden, wohl aber in deren Nachbarschaft
(z. B. Godorf), und als ein lokaler Nachklang
dieser Technik mag das vorliegende, in Brühl
ausgegrabene „Gemmenkreuz" erscheinen, das
in seinen getriebenen Ornamenten an lombar-
disches Zierwerk anknüpft und das ottonische
mit seinen Stelzrosetten vorbereiten hilft.

Abb. 7. Reliquienkreuz von 37 cm
Höhe, aus Eichenholz, das ringsum mit ver-
goldeten Kupferplatten bekleidet ist, auf der
Vorderseite mit geometrisch durchbrochenen, die,
hinter Hornblenden vertieft eingelassene, Re-
liquien durchscheinen lassen. Der in der aus-
gezackten Musterung an die altchristlichen
Mosaikborten erinnernde Querbalken ist offen-
bar von hohem Alter, das mit dem durchleuch-
tenden gerippten Seidenstoff bis in die Zeit Hein-
richs des Heiligen zurückreicht, wegen der Iden-
tität mit dem bezüglichen Bamberger Gewebe.
Der unvergoldete Längsbalken ist ohne Zweifel
eine viel spätere und rohere Messingnachbildung.
— Die vergoldeten aber ungemusterten Seiten-
beschläge und namentlich die merkwürdigen,
gut erhaltenen Platten der Rückseite weisen
jedoch mit Bestimmtheit auf die frühe Periode,
also auf das XL Jahrh. hin. Auf ihnen ist
nämlich die stofflich gedachte, in über Eck
gestellten Quadraten mit Kreuzrosette be-
stehende Musterung dadurch gewonnen, daß
durch zahllose ganz kleine Perlpunzenkreise
die Zeichnung ausgespart ist, ohne Zuhilfe-
nahme des Grabstichels, den die spätere Zeit
bevorzugte. Die ottonische Epoche liebte diese
primitive, mehr malerische Art, wie sie bereits
das Brustkreuz in Monza aufweist. — Wenn
wir noch die hinsichtlich der Ausschnittorna-
mente auf der Vorderseite sehr verwandten
Beinborten auf dem karolingischen Einband-
deckel im Kölner Kunstgewerbemuseum, sowie
auf den Reliquienkasten in Werden (hier
Bd. XIV, Sp. 295), in St. Gereon und St. Andreas
zu Köln, in meiner Sammlung zum Vergleich
heranziehen, so kommen wir wiederum zu dem
Ergebnis, daß dieses merkwürdige Reliquien-
kreuz eine (vielleicht in Köln ausgeführte)
Arbeit des XL Jahrh. ist. Schnütgen.
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