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Zeitschrift für christliche Kunst — 34.1921

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Heft 10-11
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Moses, Elisabeth: Pflanzendarstellungen in der deutschen Kunst des XIV. und XV. Jahrh., ihre Form und ihre Bedeutung
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https://doi.org/10.11588/diglit.4344#0171

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Nr. 10/1

ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST.

159

Abb. 4. Baum von den nor»

mannisch. Wollstickteppichen

von Bayeux.

germanische hinzu. Der Germane geht wie der Kelte vom zeichnerisch
Dekorativen, Abstrakten aus, und wenn er organische Gebilde in seiner Kunst
verwendet, so macht er sie der Linie Untertan7. Während der Orient von
der natürlichen Form zur Stilisierung gekommen war, durch dauernde Ver-
einfachung „Pilz- und Lanzettbaum" entstanden, geht
der germanische Künstler vom Ornament aus, ver-
wendet als Symbol der Naturformen. Der so entstan-
dene „Ornamentbaum", in den der Germane seine ganze
Ausdruckskraft hineinlegt, steht gleichwertig neben den
Menschen. Als Resultat dieser Richtung taucht neben
dem „Pilzbaum" der „Blätterbaum" auf, durch einzelne
Zweige mit großen Blättern charakterisiert (Utrecht-
psalter, Alkuinbibeln in London und Bamberg, vor allem
bei der Genesisdarstellung)8, während der Schichten-
baum, dessen Krone aus mehreren horizontal überein-
anderliegenden, schraffierten Lagen besteht, sich aus
der illusionistisch-stenographischen Art antiker Über-
lieferung erklärt. Auch jetzt werden die kleineren Pflänz-
chen noch nicht durchgebildet, erscheinen nur alsWiesen-
schmuck in Massen, Stiele mit kleinen Seitenstücken
(Psalterium aureum, Bibel Karls des Kahlen in San
Paolo fuori le mure), oder mit tulpenartigen Blüten
oder Rosetten (Evangeliar von Prüm), unbewußte Er-
innerungen nach der Natur ohne jeden logischen Zu-
sammenhang.

Die ottonische Zeit übernimmt die Formen der
karohngischen und durchtränkt sie mit neuem Leben.
Wie ein Frühling bricht es herein! Die Sturm- und
Drangperiode der frühmittelalterlichen Malerei be-
ginnt. Kleine Aststümpfe drängen und stoßen aus den
Baumstämmen wie mutwillige Kinder; wagten sich vor-
her nur vorsichtig zarte Knöllchen heraus, so brechen
sie jetzt keck hervor (Abb. 1). Ungestüm drehen sich die
Stämme der Bäume (Evangeliar Otto III., München
lat. 4453). Auch die Blättchen hält es nicht mehr in
ihrer steifen frontalen Stellung; sie biegen und krüm-
men sich und falten sich zusammen. Leise werden
die feinen Lanzettblättchen im Ottoevangehar9 bewegt
(Abb. 2). Die umgefalteten „Muschelblätter" erscheinen
überall im Randornament, in den Emails, in der Silber-
arbeit (Bernwardleuchter), wie hier im Evangeliar Otto III. zu Aachen (Abb. 3).

' Die Fischvogelinitialen der Merowingerzeit sind nicht aus einem bewußten Nach-
ahmungstrieb entstanden, der Künstler verwendete vielmehr die Formen, weil sie seinen
dekorativen Zwecken entgegenkamen.

8 Beispiele bei Janitschek: Die Trierer Adahandschrift. Leipzig 1889, Taf. 15,

24, 29, 31.

9 Brinckmann, a. a. 0. Taf. VII.

Abb. 5. Baum von den nor«

mannisch. Wollstickteppichen

von Bayeux.
 
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