WESTGOTISCHE ALTERTUMSKUNDE UND
WESTGOTISCHE GESCHICHTE
VORBEMERKUNG
Bekanntlich sind literarische und inschriftliche Quellen zur Geschichte des Westgoten-
reiches nur in beschränktem Umfang erhalten. Die byzantinische Historiographie hat sich
kaum mit der Pyrenäenhalbinsel beschäftigt, und in Westeuropa sind vom fünften bis
zum siebenten Jahrhundert neben knappen Chroniken (wie der des Hydatius) Werke von
der begrenzten Blickrichtung eines Isidor von Sevilla oder Gregor von Tours allein zu
nennen. Wenn die Gesetze der Westgoten auch sehr schätzenswerte Quellen sind, so geben
sie doch nur Ausschnitte aus einem Bilde, dessen einzelne Züge ohne den Zusammenhang
des Ganzen oft schwer verständlich erscheinen. Die Verhandlungen der Konzile berichten
wohl auch von Reichsangelegenheiten, aber in zweckbestimmter Auswahl und Färbung.
Es ist unter diesen Umständen nicht leicht, westgotische Geschichte zu schreiben1).
Auch die westgotische Altertumskunde verfügt nur über Quellen von beschränktem
Umfang. Als die wichtigsten sind in der vorliegenden Untersuchung die Beigaben aus den
Grabfeldern und die gleichartigen sonstigen Funde ausgewählt worden. Ganz über-
wiegend handelt es sich um Gegenstände der Tracht, welche in Übung eines alten Brauches
den Toten belassen wurden. Diese Sitte kennen wir heute im spanischen Westgotenreich
nur bei den weniger bemittelten Schichten2), deren Gräber eine recht dürftige Ausstattung
zeigen. Unter den Beigaben erscheint Gold fast nicht, Silber selten und dann stark legiert;
der gewöhnliche Werkstoff ist die goldglänzende, aber billige Bronze. Wie der geringe
Materialwert, so steht auch die meist kunstlose Ausführung unsere Funde in Gegensatz
zu den technisch hochwertigen Edehnetallarbeiten aus dem Schatz von Guarrazar, die man
auch ohne die Königsnamen der Weihekronen der vornehmsten Schicht der Bevölkerung
zuweisen würde. Aus Grabfunden besitzen wir bis heute keine vergleichbaren Stücke. Wenn
vornehme Westgoten noch im sechsten und siebenten Jahrhundert wie Alarich im Busento
mit reichen Beigaben bestattet worden sind, so dürfen wir am ehesten Funde bei oder in
Kirchen3) erwarten, nicht aber in Friedhöfen bescheidener ländlicher Ansiedlungen, wie jener
von Carpio de Tajo, Deza u. a. m. Das heute bekannte Material hat somit beschränkten
Zeugniswert; indessen ist von Bedeutung, daß es von der unteren Schicht des Volkes
herrührt, von welcher in den literarischen Denkmälern wenig die Rede ist. Welche Haupt-
*) An dieser Stelle mögen die wichtigsten zusammenfassenden Werke, welche die Einzelliteratur verzeichnen, an-
geführt werden: F. Dahn, Die Könige der Germanen 5./6. Bd. Würzburg 1870 bzw. Leipzig 1885. — L. Schmidt, Ge-
schichte der deutschen Stämme bis zum Ausgang der Völkerwanderung. 1. Bd. (Berlin 1910) S. 164—304. — A. Bal-
lesteros y Beretta, Historia de Espana. 1. Bd. Barcelona 1918. — F. Kauffmann, Deutsche Altertumskunde. 2. Bd.
München 1923 (passim). Die Neuauflage des Werkes von Schmidt (München 1934) konnte noch herangezogen, wenn
auch nicht völlig durchgearbeitet werden.
2) Ein genauerer Einblick in die sozialen Verhältnisse wird vielleicht nach der wissenschaftlichen Ausgrabung und
Veröffentlichung größerer Grabfelder möglich sein. Vgl. die Auswertung alemannischer Reihengräberfelder für Sied-
lungs- und Sozialgeschichte bei W. Veeck, Die Alamannen in Württemberg S. 113 ff.; ähnlich schon 16. Bericht der
Römisch-Germanischen Kommission 1925/26 (1927) 35 ff.
3) Aus dem Merowingerreich sei ein bezeichnendes Zeugnis zum Jahr 585 angeführt, die Bestattung einer vornehmen
fränkischen Frau in einer Kirche zu Metz cum grandibus ornamentis: Greg. Tur. Hist. Franc. VIII 21.
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WESTGOTISCHE GESCHICHTE
VORBEMERKUNG
Bekanntlich sind literarische und inschriftliche Quellen zur Geschichte des Westgoten-
reiches nur in beschränktem Umfang erhalten. Die byzantinische Historiographie hat sich
kaum mit der Pyrenäenhalbinsel beschäftigt, und in Westeuropa sind vom fünften bis
zum siebenten Jahrhundert neben knappen Chroniken (wie der des Hydatius) Werke von
der begrenzten Blickrichtung eines Isidor von Sevilla oder Gregor von Tours allein zu
nennen. Wenn die Gesetze der Westgoten auch sehr schätzenswerte Quellen sind, so geben
sie doch nur Ausschnitte aus einem Bilde, dessen einzelne Züge ohne den Zusammenhang
des Ganzen oft schwer verständlich erscheinen. Die Verhandlungen der Konzile berichten
wohl auch von Reichsangelegenheiten, aber in zweckbestimmter Auswahl und Färbung.
Es ist unter diesen Umständen nicht leicht, westgotische Geschichte zu schreiben1).
Auch die westgotische Altertumskunde verfügt nur über Quellen von beschränktem
Umfang. Als die wichtigsten sind in der vorliegenden Untersuchung die Beigaben aus den
Grabfeldern und die gleichartigen sonstigen Funde ausgewählt worden. Ganz über-
wiegend handelt es sich um Gegenstände der Tracht, welche in Übung eines alten Brauches
den Toten belassen wurden. Diese Sitte kennen wir heute im spanischen Westgotenreich
nur bei den weniger bemittelten Schichten2), deren Gräber eine recht dürftige Ausstattung
zeigen. Unter den Beigaben erscheint Gold fast nicht, Silber selten und dann stark legiert;
der gewöhnliche Werkstoff ist die goldglänzende, aber billige Bronze. Wie der geringe
Materialwert, so steht auch die meist kunstlose Ausführung unsere Funde in Gegensatz
zu den technisch hochwertigen Edehnetallarbeiten aus dem Schatz von Guarrazar, die man
auch ohne die Königsnamen der Weihekronen der vornehmsten Schicht der Bevölkerung
zuweisen würde. Aus Grabfunden besitzen wir bis heute keine vergleichbaren Stücke. Wenn
vornehme Westgoten noch im sechsten und siebenten Jahrhundert wie Alarich im Busento
mit reichen Beigaben bestattet worden sind, so dürfen wir am ehesten Funde bei oder in
Kirchen3) erwarten, nicht aber in Friedhöfen bescheidener ländlicher Ansiedlungen, wie jener
von Carpio de Tajo, Deza u. a. m. Das heute bekannte Material hat somit beschränkten
Zeugniswert; indessen ist von Bedeutung, daß es von der unteren Schicht des Volkes
herrührt, von welcher in den literarischen Denkmälern wenig die Rede ist. Welche Haupt-
*) An dieser Stelle mögen die wichtigsten zusammenfassenden Werke, welche die Einzelliteratur verzeichnen, an-
geführt werden: F. Dahn, Die Könige der Germanen 5./6. Bd. Würzburg 1870 bzw. Leipzig 1885. — L. Schmidt, Ge-
schichte der deutschen Stämme bis zum Ausgang der Völkerwanderung. 1. Bd. (Berlin 1910) S. 164—304. — A. Bal-
lesteros y Beretta, Historia de Espana. 1. Bd. Barcelona 1918. — F. Kauffmann, Deutsche Altertumskunde. 2. Bd.
München 1923 (passim). Die Neuauflage des Werkes von Schmidt (München 1934) konnte noch herangezogen, wenn
auch nicht völlig durchgearbeitet werden.
2) Ein genauerer Einblick in die sozialen Verhältnisse wird vielleicht nach der wissenschaftlichen Ausgrabung und
Veröffentlichung größerer Grabfelder möglich sein. Vgl. die Auswertung alemannischer Reihengräberfelder für Sied-
lungs- und Sozialgeschichte bei W. Veeck, Die Alamannen in Württemberg S. 113 ff.; ähnlich schon 16. Bericht der
Römisch-Germanischen Kommission 1925/26 (1927) 35 ff.
3) Aus dem Merowingerreich sei ein bezeichnendes Zeugnis zum Jahr 585 angeführt, die Bestattung einer vornehmen
fränkischen Frau in einer Kirche zu Metz cum grandibus ornamentis: Greg. Tur. Hist. Franc. VIII 21.
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