Zeitschrift für Geschichte der Architektur — 2.1908/​9

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II. Jahrgang. Heft 6. März 1909.

Beiträge zur Entwicklungsgeschichte des
Architekten RafTael.

Von Max Ermers.

I. Die Schule von Athen.

Die herrliche Halle der Schule von Athen ist das erste Zeugnis von Raffaels bau-
künstlerischer Betätigung in Rom. Von allen denen, die sich mit diesem Fresko ein-
gehend hefaßt haben, hat keiner vergessen, sie in den höchsten Tönen zu preisen.
Schon Vasari erwähnt diese «Perspektive», mit der der Meister selbst sein Werk ge-
schmückt hatte, rühmend in der Vita di Baffaello und die neueren Kunsthistoriker
sind des höchsten Lobes voll. So schreibt Springer1: «Die Phantasie der Renaissance
hat hier ihre schönste architektonische Schöpfung geträumt. Unbeirrt von den Zufällig-
keiten eines wirklichen Bauplatzes, ungehindert durch die Unzulänglichkeit der Mittel,
durch den schlechten oder beschränkten Willen des Bauherrn und die zudringlichen
Ansprüche bestimmter praktischer Zwecke konnte sie mit Hilfe der Farbe alle Formen
und Verhältnisse eines idealen Tempels verkörpern.» Auch Crowe und Cavalcaselle2
bezeichnen die Halle als «die glänzendste Entfaltung monumentaler Architektur des
ganzen 16. Jahrhunderts». Die meisten der anderen Forscher äußern sich in ähnlichen
Ausdrücken über diese Arckitektur, die die Komposition erst zu dem macht, was sie
ist. So einig nun fast alle in der Bewertung der ästhetischen Bedeutung des Werkes
sind, so uneinig sind fast alle, wenn es sich um Beschreibung, Ursprung oder Bedeu-
tung dieser Bauidee handelt. So merkwürdig es klingen mag, sogar in den einfachsten

1 Anton Springer, Die Schule von Athen. In den «Graphischen Künsten». B. 1883, pag. 53 ff.

2 Raphael, pag. 47.

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