Ziegler, Hendrik
Die Kunst der Weimarer Malerschule: von der Pleinairmalerei zum Impressionismus — Köln , Weimar , Wien, 2001

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Kapitel I

Aus den in diesem Kontext erstmals herangezogenen Tagebüchern Carl
Alexanders wird deutlich, daß der Großherzog, nach einer langen Phase der
Vorüberlegungen, den Aufbau der Schule seit Anfang des Jahres 1860 massiv vo-
rantrieb und sich, sowohl was die Organisationsstruktur als auch die personelle
Besetzung der Schule betrifft, stark von Karl von Piloty und dem an der Mün-
chner Akademie üblichen System der Meisterklassen beeinflussen ließ. Nachdem
die Kunst insgesamt einen dem Großherzog fremden Fortgang zum Ahistori-
schen nahm und er längst hatte einsehen müssen, daß durch die dominante Stel-
lung Preußens im neu gegründeten Reich seine ursprünglich national ausgerich-
tete Kulturpolitik im Bereich der bildenden Kunst keine Zukunft mehr hatte, ver-
suchte Carl Alexander, nach einer Phase anhaltender Personalquerelen an der
Kunstschule, diese in eine Staatsinstitution umzuwandeln, was allerdings
mißlang. Unter dem Eindruck der bevorstehenden Übernahme seiner privaten
Kunstschule in staatliche Trägerschaft ließ Carl Alexander 1874 die liberalen
Lehrprinzipien seiner Schule in neuen Statuten festschreiben - Zeichen dafur,
daß er schöpferische Gestaltungsfreiheit als Voraussetzungjeder Form von künst-
lerischer Entfaltung ernst nahm und zu wahren suchte. In dieser Zeit beginnt sich
die Weimarer Malerschule herauszubilden, nicht in Widerspruch zur Großher-
zoglich-Sächsischen Kunstschule, sondern vielmehr aufgrund der dort geschaf-
fenen institutionellen Rahmenbedingungen.

DIE WARTBURGAUSMALUNG

Bereits als Erbgroßherzog hat Carl Alexander mit seiner in den 1840er Jahren
einsetzenden Wiederherstellung der Wartburg versucht, mit den Mitteln der
Kunst die kultur- und nationalgeschichtliche Bedeutung Thüringens und Wei-
mars hervorzuheben und zu propagieren. 4 In einer am 12. Februar 1841 hand-
schriftlich verfaßten Denkschrift, in der er erstmals seine Vorstellungen zum Wie-
deraufbau der Burg in einem Vier-Punkte-Programm zusammenfaßte, äußert
Carl Alexander an dritter Stelle: »Meine Idee ist nemlich [sic], nach und nach die
Wartburg zu einer Art Museum für die Geschichte unseres Hauses, unseres Lan-

4 Jutta Krauß, Die WiederherstellungderWartburgim 19. Jahrhundert; (Kleine Schriftenreihe der Wart-
burg-Stiftung, Bd. 1), Kassel 1990, S. 13 - Ausfuhrlich zur Wiederherstellung der Wartburg durch
Carl Alexander: Pöthe 1998, S. 297-344
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