Ziegler, Hendrik
Die Kunst der Weimarer Malerschule: von der Pleinairmalerei zum Impressionismus — Köln , Weimar , Wien, 2001

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Kapitel I

ihrer Entwicklung aufgehalten worden sind, wenn ihnen nicht gar der Rat ge-
geben wurde, wegen mangelnden Talents die Künstlerlaufbahn zu verlassen.« 233
Erst unter dem Direktorat von Albert Brendel wurde ab dem Wintersemester

1882 das Klassenwesen an der Weimarer Kunstschule wieder eingefuhrt und

1883 in neuen Statuten festgeschrieben. 234 Der neu eingestellte Professor
Woldemar Friedrich leitete die Korrektur im Antikensaal. Darüber hinaus hatte
er zusammen mit den ebenfalls neu hinzugekommenen Professoren Wilhelm
Zimmer und dem Nachfolger von Alexander Stmys, Max Thedy, im achttägigen
Wechsel die Aufsicht über den Aktsaal inne. 235

Die Stmktur der Lehre an der Weimarer Kunstschule, wie sie sich nach den Sta-
tuten von 1874 darstellt, begünstigte eine weniger der zeichnerischen als der un-
mittelbaren malerischen Umsetzung verpflichtete Kunstauffassung. Die Verkür-
zung der Aufenthaltsdauer im Antikensaal, das schnellere Heranfuhren an das
Studium des lebenden Modells und die zügigere Gewöhnung an den Umgang
mit den Ölfarben unter Anweisung eines selbstgewählten Lehrers kam be-
sonders den Genre- und Landschaftsmalern entgegen, für die ein aufwendigeres
Antiken- und Aktstudium entbehrlich war. Landschaft und Genre waren daher
auch die beiden Gattungen, die in den 1870er Jahren der Schule Profil gaben.

232 Ebd., Sp. 225f. bzw. Preiß/Winkler 1996, Dok. 11, S. 73

233 Ebd., Sp. 226 bzw. Preiß/Winkler 1996, Dok. 11, S. 73 - Noch 1887 kritisiert Wilhelm Linden-
schmit, als ein der Freilichtmalerei aufgeschlossener Historienmaler, der seit 1875 eine Profes-
sur an der Münchner Akademie innehatte, energisch das Antikenstudium durch den ange-
henden Künstler. Der Anfänger verstünde die Erhabenheit und Idealität der Antike noch nicht.
Der Blick sollte zunächst an der Natur geschult werden. Das Naturstudium sei die Grundlage
der Kunst, wohingegen das Antikenstudium und das Kopieren nach den Alten in eine höhere
Ausbildungsstufe gehöre. Siehe: Wilhelm Lindenschmit, Gedanken über Reform der deutschen
Kimstschulen, in: KfA 2, 1. Feb. 1887, S. 129-138, S. 131f.

234 Paul von Bojanowsky, Die WeimarerKunstschule vom 1. Oktober 1860 bis 1. Oktober 1885, Weimar
1885, S. 10 - ThHStAW, Staatliche Hochschule für bildende Kunst Weimar, Nr. 1-2, Auszug
aus den Statuten [...], Weimar 1883

235 ThHStAW, HMA 3694, Bl. 174-190: ßuartalsbericht von Albert Brendel und Dr. von Bamberg,
1. Okt. - 31. Dez. 1882; abgedruckt in: Preiß/Winkler 1996, Dok. 13, S. 76-78, S. 76
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