Ziegler, Hendrik
Die Kunst der Weimarer Malerschule: von der Pleinairmalerei zum Impressionismus — Köln , Weimar , Wien, 2001

Page: 66
DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/ziegler2001/0080
License: Public Domain Mark Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
66

Kapitel II

DIE WEIMARER MALERSCHULE: EINE BEGRIFFSBESTIMMUNG

Der BegrifF WeimarerMalerschule ist erst Anfang der 1930er Jahre durch Walther
Scheidig in die kunstgeschichtliche Forschung eingefiihrt worden. 1 Letztlich aber
ist er historisch vorgeprägt: Schon zu Beginn der 1880er Jahre sprach ein Kriti-
ker von den Weimarer Landschaftsmalern unter Theodor Hagens Führung als
der »weimarischen Schule«. 2

Die Weimarer Malerschule ist als eine lokale Landschafterschule anzusehen,
die sich im Verlauf der 1870er Jahre an der bereits seit 1860 in Weimar beste-
henden Großherzoglich-Sächsischen Kunstschule herausbildete. Ihre Entwick-
lung vollzog sich in zwei deutlich unterscheidbaren Phasen: einer ersten plein-
airistischen Phase, die von der Mitte der 1870er bis zum Ende der 1880er Jahre
reichte, und einer sich daran anschließenden impressionistischen Phase, deren
Beginn in die Jahre 1889/90 fiel, und die bis über die Jahrhundertwende hinaus
andauerte.

Im Verlauf der 1870er und frühen 1880er Jahre bildete ein kleiner Kreis von
Weimarer Landschaftern jene für den ersten Entwicklungsabschnitt als spezifisch
weimarisch zu erachtende Bildästhetik aus: merkliche Reduktion der moti-
vischen Komplexität und deutliche Beschränkung der Farbskala auf eine graue
Gesamttonigkeit. Die Hinwendung zum schlichten heimatlichen Motiv und
zum konsequenten Freilichtstudium, spätestens in den 1880er Jahren eine allge-
meine Tendenz in der Landschaffsmalerei, vollzog die Weimarer Malerschule
schon früh und mit besonderer Radikalität, was bereits von den Zeitgenossen be-
obachtet wurde. 3 AufVielfalt und Abwechslungsreichtum der Bildelemente wird
zugunsten der Konzentration auf die Erfassung eines einzigen, unspektakulären
Landschaffsmotivs - sei es ein Waldrand, ein Steinbruch oder eine Ackerfläche
- verzichtet. Eine kontrastreiche koloristische Durchführung ist vermieden;
lediglich aus einem schmalen Spektrum an Grau-, Blau- und Brauntönen wer-
den die Bilder aufgebaut. Atmosphärische Situationen, die besondere Beleuch-

1 Walther Scheidig, Die Weimarer Malerschule im 19. Jahrhundert, in: Thüringer Fähnlein 3, 1934,
S. 130ff.

2 Walter Schulte vom Brühl, Neue Veränderungen an der weimarischen Kunstschule, in: Kunstchronik
16, 1881, Nr. 38, 7. Juli 1881, Sp. 609-611, Sp. 610f.

3 Siehe Kap. III, Abschnitt: Die Weimarer Landschaftsmalerei
loading ...