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Zimmermann, Ernst Heinrich [Editor]
Vorkarolingische Miniaturen (Text) — Berlin, 1916

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https://doi.org/10.11588/diglit.3536#0133
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Echtemacli-Gruppe. j 2 2

(Taf. 257, 260 a) auch der Ablauf das Straffe, Gebundene des Stammes
zum Ausdruck bringt.

Noch raffinierter ist die Rahmung der vier Evangelistensymbole. Das
Matthäussymbol (Taf. 255 a) bot mit dem frontal stehenden Engel dem
Künstler weniger Gelegenheit, seine Geschicklichkeit zu zeigen. Er be-
schränkt sich hier darauf, von allen vier Seiten das Flechtwerk heranzu-
führen und so die Figur zu stützen und zu akzentuieren. Da die vom
Rahmen ins Innenfeld gehenden Formen hier wegen ihrer Gesetzmäßigkeit
keine interessanten Bildungen ergeben, so füllt der Miniator das Ganze mit
farbig wechselndem Flechtwerk, wodurch er eine größere Lebendigkeit er-
reicht. Ganz anders verfährt er dagegen beim Symbol des Markus (Taf. 256a).
Hier konnte es sich nicht mehr um eine gleichmäßige Rahmung, sondern
nur um eine geschickte Anpassung an die Figur des springenden Löwen
handeln. Und die Lösung, die der Künstler hier fand, ist ebenso neu wie
überraschend. Es sei sogleich betont, daß eine Füllung des Rahmens mit
Flechtwerk, wie beim Matthäussymbol, nicht beabsichtigt gewesen sein
kann, da alle Tatzen des Löwen in den Rahmen hineinragen. Das fast
Unglaubliche ist, daß hierdurch die Bewegung und der Umriß des Tieres
nicht im mindesten beeinträchtigt werden, der Rahmen dagegen gesteigerte
Bedeutung gewinnt. Er, der beim Matthäus-Symbol nur die Rolle eines
unwichtigen Akzidens spielt, wird durch diese Überschneidungen in eine
Wechselbeziehung zum Löwen gesetzt, die das ganze Blatt mit Leben durch-
dringt, um so mehr, als zudem die kräftige Stützung des Vorderteiles auf
die Bewegung des Löwen und sein statisches Gleichgewicht von entscheiden-
dem Einfluß sind.

Regelmäßigere Formen hat der Rahmen des eleganten Lukas-Ochsen
(Taf. 256 b), wo ebenfalls die Überschneidung des Rahmens die Suggestion
der langsamen Bewegung nicht ausschaltet und der geradlinige untere
Abschluß des oberen Kreuzes den fein empfundenen Rückenkontur des
Ochsen stärker hervorhebt. Sehr ähnlich ist die Rahmung des Johannes-
Adlers (Taf. 255 b), dessen Aufstehen auf dem unteren Rahmen besonders
delikat gegeben ist. Die Feinheit der Zeichnung, die diskrete Farbengebung,
die vollendete Schrift, vor allem das restlose Aufgehen aller Elemente in
die rein fiächenhafte Darstellung machen den Kodex zu einem von den
wenigen uns erhaltenen Kunstwerken, in denen das insulare Stilgefühl rein
und groß zum Ausdruck gelangt.

Es ist klar, daß ein solches Werk nicht allein das Produkt eines hervor-
ragenden Künstlers, sondern zu einem großen Teil das einer vorbe-
reitenden Entwicklung gewesen ist. Das Fragment eines Evangeliars, das
sich im Corpus Christi College zu Cambridge befindet (Nr. 197, Taf. 259),
hat alles Anrecht darauf, als eine vorangehende Stufe angesehen zu werden.
 
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