Adler, Friedrich
Mittelalterliche Backsteinbauwerke des Preußischen Staates (Band 2) — Berlin, 1898

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Thürme berechneten Westfront nnd anderer selir alter, dem
XII. Jahrhundert entstammenden Granithauten in der Nachhar-
schaft — wie Grofs-Wusterwitz und Ziesar — dürfen wir an-
nehmen, dai's St. Godehard eine dreischiffige kreuzförmige
Pfeilerbasilika mit halbrund geschlossenem Chore und zwei
Apsiden gewesen ist. Auf S. 24 hatte ich micli dann bemüht,
aus dem einheitlichen Kunstcliarakter, sowie aus technischen
wie künstlerischen Gründen, den Nachweis zu fiihren, dai's die
jetzige wohlerhaltene Kirche nocli aus dem XIV. Jahrhundert
stammen könne. Nach nochmaliger eingeliender Prüfung und
Heranziehung aller verwandten Beispiele hin ich jetzt aher ge-
zwungen, meine frühere Ansicht aufzugeben und eine richtigere
Datiruilg einzufüliren.

Mehrere Gründe sind dahei von ausschlaggebender Be-
deutung gewesen. Erstlich die Pfeilerform: Rundpfeiler mit
vier Diensten, darunter zwei tauartig gewundene, allerdings
noch mit guten Blattkapitellen und trefflich gegliederten Basen
ausgestattet,. Fast dieselben Pfeiler, 1) nur weniger gut ge-
zeichnet, finden sicli im Chore von St. Stephan zu Tanger-
münde, welcher inschriftlich 1470 begonnen und wohl wenige
Jahre später vollendet worden ist. Zweitens der Polygonchor
mit seinen zwischen den Strebepfeilern hinausgebauten flachen
Kapellen, welclier unmittelbar auf noch erhaltene Vorbilder in
Stendal -— Dom (Langhaus), St. Maria (Chor) — und Tanger-
münde St. Elisabeth zurückweist. Alle diese Beispiele sind
um die Mitte des XV. Jahrhunderts entstanden. Drittens die
Thatsache, dai's die östliclie der drei an der Südseite stebenden
Kapellen mit der anstofsenden Chormauer in ungestörtem Ver-
bande steht. Diese zweigescliossige Kapelle, welche aber früher
nach dem Langhause liin geöffnet war, ist die Liebfrauen-
kapelle gewesen, in welcher die Gilde 1463 den Hauptaltar
gestiftet hatte, den der Bischof bestätigte. 2) Vermuthlich ist
diese Kapelle im Anschlusse an den noch irn Bau begriffenen
Chor kurz vorher, also 1462, aufgericlitet worden, denn sie
hat, wie aus einem Fensterreste in ihrer Westmauer hervor-
geht, einst frei gestanden. Endlich ist auf die Dienstbildung
in Tauform, welche sowohl an den Rundpfeilem wie an den
Wanddiensten auftritt — vergl. Blatt XVIII Fig. 1 und 4 —
hinzuweisen, weil diese sehr wirkungsvolle Kunstform erst seit
der Mitte des XV. Jahrhunderts an verscliiedenen Plätzen der
Alt- wie Mittelmark besonders bevorzugt worden ist und wie
die Marienkirche in Bernau lelirt, bis 1519 gedauert hat-
Man hat den Taustab zu Einfassungen von Portalen, Fenstern
und Blenden verwandt, Strebepfeiler damit gesclnnückt und
nicht nur Basen und Kämpfer, sondern sogar Rippen daraus
geformt. Er bildet ein entscheidendes Kennzeichen für die
spätgothische Kunst. Wenn aber durch diese Kriterien fiir
den Neubau von St. Godehard ein Baudatum aus der Mitte
des XV. Jahrhunderts gesicliert erscheint, so tritt die alte
niclit mehr vorhandene und auf S. 24 vollständig mitgetheilte
deutsclie Inschrift, welclie besagte, dafs Henrik Reinstorp
und sein Gesinde mit Hiilfe und Förderung des Rathes und
der Kirchenvorsteher „dis Middelwerk desses Chores“
1456 angefangen habe, in den Vordergrund. Denn die lange
Schonung und Erhaltung der Inschrift spricht fiir ihre stadt-
geschichtliclie Bedeutung und dalier darf man sie mit mehr
Recht auf den Clior bezielien, als auf die mittlere der drei
Siidkapellen, wie ich es seiner Zeit gethan habe. Ob Meister
Reinstorp auch das etwas ältere Langhaus ausgefiihrt hat, ist
nicht mehr festzustellen, es ist aber wahrscheinlich, weil der
Unterschied zwischen beiden Bautheilen nicht sehr grofs ist.
Nur die Basen der Dienste an den Pfeilern sind verschieden; die-
jenigen der ersten drei Pfeilerpaare haben die auf Blatt XVIII
Fig. 8 dargestellte etwas alterthümliche Form mit abgekehltem

1) Diese Aehnlichkeit ist schon bei der Baubeschreibung von St. Stephan
Bandl, 69 hervorgehoben worden.

2) Riedel VIII, 422.

Fufse, während alle übrigen Paare mit der attischen Basis
ausgestattet sind und diese Form auch aufsen am Chore sowie
an den Südkapellen auftritt. Wie dem aucli sei, in jedem
Falle ist St. Godelia: 1 ein Bau, welcher bei grofser Schlicht-
heit des Aeufseren durch den Adel seiner Verhältnisse des
Inneren unter den Brandenburger Kirclien an erster Stelle
steht und seinem Meister grofse Ehre macht.

Dagegen sind die vier später hinzugefügten Kapellen,
drei im Süden und eine im Norden von ungleichem Werthe,
obschon sie den gleichen spätgothischen Grundcharakter tragen.
Derselbe besteht darin, dafs man in dieser Zeit oft zu den
frühgothischen Mauerstärken zurückgekehrt ist und die Strebe-
pfeiler aufsen sowold an den Ecken wie in den Mitten nur
sehr schwach vortreten liefs. Dadurch erhielt man eine bessere
Reliefwirkung in Portalen und Fenstern und entging vielen
Ausbesserungen an den starken oder abgestuften Strebepfeilern.
Zahlreiche Beispiele sind dafür in der Altmark Tangermünde
(Querschiff von St. Stephan), in der Priegnitz Heiligengrabe
(Heilige Blutskapelle) und in der Mittelmark Ziesar (Schloi's-
kapelle) und Ruppin (Siechenliauskapelle) vorhanden.

Die Vollendung des etwa 1445 begonnenen Neubaues
darf auf 1460 gesetzt werden, weil die 1462 erbaute Südost-
kapelle sehr bald angeschlossen wurde. Sie rührt aber jeden-
falls von einem anderen Meister her als dem Chorbaumeister,
denn ihr Aeufseres zeigt völlig verschiedene ja plumpe Formen.
Die beste Kapelle ist die der Nordseite, deren Wände Rauten-
muster von glasirten Steinen und zwei trefflich dekorirte spitz-
und flachbogige Wandblenden besitzen (vergl. Holzschnitt auf

S. 26), deren Verwandtscliaft mit den Rosen am südlichen
Seitenscliiffe des Domes (vergl. Blatt VII Fig. 9 und 10) un-
verkennbar ist.

5. Rathhaus der Altstadt.

Die Zeitstellung der ebenso reiclien wie interessanten
Vorderfront und des schlanken Hintergiebels — Blatt IX Fig. 2
und 3 — in das XIV. Jahrhundert ist ein Hauptirrthum, den
ich begangen habe und hiermit berichtige. Es mufs vielmelir
auf Grund von sicher datirbaren Bauwerken in der Altmark
und Mittelmark — dort das Querschiff und der Chor von
St. Steplian in Tangermünde, hier die Schlofskapelle von
Ziesar — eine Bauzeit vom Schlusse des XV. Jahrhunderts,
etwa 1470 —1490 angenommen und festgehalten werden.

6. Rathhaas der Neustadt.

Auch die auf Blatt IX Fig. 1 abgebildete Hinterfront
kann trotz der frischen Herbheit ihres Giebels, der bestechend
gewirkt hat, dem XIV. Jahrhundert nicht angehören, sondern
wird richtiger in die ersten Jahrzehnte des fünfzehnten zu
stellen sein. Wahrscheinlich hat sich liier ein Einflufs des
Neubaues von St. Katharina in der Neustadt geltend gemacht.

7. Klosterkirche von Jerichow.

Von den beiden Backsteinkirchen in Jerichow liabe ich
Band I S. 36 — 43 die grofse Klosterkirche wegen ihrer
seltenen Bedeutung fiir die Baugeschichte der Mark Branden-
burg ausführlich besprochen, die kleine Pfarrkirche aber nur
streifend berührt. Unter Kombination der historischen Ueber-
lieferung mit dem Baubestande suchte ich nachzuweisen, dafs
die Erstere von 1149 —1159 erbaut worden sei. Später
1200 —1210 habe man wegen des Einbaues der Krypta die
Hauptapsis erneuert und die Nebenchöre hinzugefügt. Endlich
sei durch den Aufbau der zweithürmigen Westfront um 1250
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