Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 6.1888

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schwarzen, grünen und violetten Gewänder
Anilinfarben nicht verwendet werden dürf-
ten, da deren Dauerhaftigkeit den ernste-
sten Bedenken unterliegt.

Die schöne Sitte, das Hochzeitskleid fürst-
licher oder reich begüterter Damen der Kirche
zur Herstellung von Paramenten zu überwei-
sen, war auch in früheren Jahrhunderten
vielfach im Gebrauch, und nachahmens-
werthe wie abschreckende Proben zeigt die
Ausstellung. Kleiderstoffe mit rein profanen
und ganz moderne:: Mustern sollten unse-
res Erachtens keinenfalls zu kirchlichen
Gewändern verwerthet werden. Wo die
Absicht einer Bestimmung des Hochzeits-
gewandes zu kirchlichen Zwecken vorliegt,
sollte ein wenigstens annähernd kirchliches
Muster oder noch besser ein recht guter
einfarbiger Stofs gewählt werden, dem dann
event. später ein kirchliches Muster aufge-
stickt werden könnte.

Für eine stilgerechte Musterung der
Gewebe geben außer den an den Para-
menten aus uns gekommenen Stoffen auch
eine Reihe höchst interessanter Stoffreste
vorzugsweise byzantinischen, sassanidischen
und palermitanischen Ursprungs willkoin-
mene Anhaltspunkte. Dieselben waren aus
den Domschätzen von Aachen und Mastricht
hergeliehen und bildeten mit dem reichen
Bestand der Kgl. Gewebesammlung in
Crefeld, in deren Räumen die Ausstellung
stattfand, und mit den höchst interessanten
arabisch-sicilianischen Geweben an den bei-
den Dalmatiken der alten Kapelle in Re-
gensburg die Wonne aller archäologisch
angelegten Besucher. Es wäre übrigens
dringend zu wünschen, daß die arabischen
Inschriften an den letzteren nochmals sorg-
fältig geprüft und genau sestgestellt wür-
den , da über die Entstehungszeit die
Meinungen auseinandergehen. Technisch
interessant war die Beobachtung, daß zur
Erzielung des Goldbrokates hier ganz
dünne, etwa ein Millimeter breite Leder-
streifchen verwendet wurden, die auf der
Vorderseite stark vergoldet und mit dün-
nen Uebersangsstichen der Weberei einge-
gliedert sind. Das ist ein eigenartiges
Gegenstück zu dem im Mittelalter gebräuch-
lichen sog. cyprischen Goldfaden, der den
Geweben und Stickereien jener Zeit einen
so eigenartig weichen und schönen Glanz
gibt. Recht erfreulich war es, an einigen

neuesten Geweben Proben des neuen cypri-
schen Goldfadens zu betrachten, dessen
Wiederherstellung erst in de»: letzten De-
zennium ans deutschem Boden geglückt ist,
seit man entdeckt hatte, daß zu demselben
ein in ganz schmale Streischen geschnitte-
ner, ans einer Seite vergoldeter Schafdarm
verwendet worden, der spiralig um einen
starken Leinensaden gewunden war. Zu
tadeln ist aber an diesem neuen cyprischen
Goldfaden die Ungleichheit und die zu
große Dicke, die ihm ein kordelartiges
Aussehen gibt, und dann die höchst be-
dauerliche Thatsache, daß sich das dünne
Häutchen gar zu leicht von dem Leinen-
faden, den es umgibt, loslöst. Auch ist
der Preis noch gar zu hoch, kostet doch
der Meter eines etwa 70 cm breiten
reichgemnsterten Goldbrokatstoffes 80 M.,
der mit ecbtem metallischem Goldfaden
hergestellt nur auf 40 M. zu stehen kommt.

Für die A u s st a t t u n g der Paramente
mit Borten, Kreuzen, Stäben u. s. w.
bot die Ausstellung nachahmenswerte Vor-
bilder und Anhaltspunkte in Menge. Ganz
allerliebst genmsterte schmale und breitere
Anrisrisien waren zur Bildung von Ga-
belkreuzen aus einer dem 10. oder 11.
Jahrhundert angehörigen Easel ans dem
Domschatz zu Briren und aus der auch
wegen ihres hochinteressanten Webenmsters
wichtigen Easel des hl. Bernhard ans der
Abteikirche inBranweiler verwendet, während
bei einem von dem gleichen Heiligen gebrauch-
ten Meßgewand in: Dom zu Aachen das
Gabelkrenz durch eine breite reich orna-
mentirte Stickerei ans Tausenden von echten
Perlen gebildet wird. Die langweiligen,
nur ein gewebtes Pslanzenornament zeigen-
den Easelkrenze und Dalmatikstäbe, mit
denen heute die Paramentenvereine über-
schwemmt werden, kannte das Mittelalter
nicht. Die Stickknnst feierte an diesen
Stäben ihre herrlichsten, trotz aller fortge-
schrittenen Kunstfertigkeit heute ganz un-
erreichbaren Triumphe, weil unseren Da-
men und selbst Klosterfrauen die Geduld
und die guten Augen ihrer mittelalterlichen
Vorgängerinnen fehlen. Was in dieser
Beziehung an Easelkrenze::, Stäben und
Borten die Ausstellung vorführte, war so-
wohl technisch wie ikonographisch einzig
schön, wenn freilich in letzterer Hinsicht
auch manche Sonderbarkeit mit unterlief.
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