Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 7.1889

Seite: 48
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Bau durchdringt und ihn allein bewältigen
kann, mit dem Feuer der Begeisterung
wohl vereinbar, das in ihm lebt. Läßt
doch dies Gesetz „jedem Einzelnen in seinem
Umkreis Raum zur freiesten und reichlich-
sten Entfaltung; nur duldet es nicht, daß
der besondere Bildungstrieb üppig das
Element durchbreche und vorlaut über die
zartgeschwungene Wellenlinie der harmo-
nischen Begrenzung des Ganzen sich er-
hebe. Auch liegt die Regel keineswegs
wie eine mathematische Formel nackt und
knochig, erstarrt und selber erstarrend in
der Masse; sie birgt sich vielmehr in ihr
wie eine innewohnende Gemüthskraft: sie
von innen heraus durchdringend wie ein Cen-
tralfeuer und mit Leben tränkend (aus einem
warmschlagenden Herzen hervor) was in
sich kalt und leblos ruht. Indem in
solcher Weise die bildende Kraft um sich
her die Bahnen der Umläufe schlingt, und
die widerstrebenden Massen in sie herüber-
zieht, sie abrundend, sänftigend und dann
aneignend und beherrschend, erhält durch
sie das Todte die Begeistignng und sie
gebietet nun in ihrem Reiche einzig durch
den Reiz der Schönheit und des Gefälligen."
(Görres ebend. S. 12.)

Wenn also von irgend einem Bau-
wesen, so gilt von diesem, daß es eben-
sowohl ans einer machtvollen Strömung
des Gefühls wie ans der besonnensten
und umfassendsten Berechnung des Ver-
standes hervorgegangen. Wer daher über
dem äußern Schematismus den innerlich
treibenden Geist übersehen würde, der die
Riesenbrnst dieser stolzen Fassade durch-
wogt und bis in die äußersten Glieder
hinaus reges Leben sendet, der würde
ebenso einseitig urtheilen wie jener Arbei-
ter, welcher nach der Ausgrabung einer
antiken Statue, über den Eindruck befragt,
den sie ans ihn gemacht, nichts anderes zu
sagen wußte, als, er finde sie kalt! —
oder auch wie gewisse unverständige Be-
urtheiler, die den Demosthenes deßwegen
für einen kalten, nüchternen Menschen er-
klären, weil er immer den Forderungen
des Verstandes gerecht wird. Ist denn
das Denken mit dem Fühlen unvereinbar?
Ist nicht vielmehr der Zusammenhang der
Gedanken ein Faden, an welchem das
Feuer des Gefühles um so leichter hernn-
terlauft? (Vgl. Theremin, Dem. it.

Mass. S. 140.) So ist auch hier der
Scharfsinn des Kalküls die Leiter, ans
welcher der ideale Sieg über die Materie
höher und höher hinaufsteigt. Aber dieser
Kalkül ist allerdings nicht mehr, wie in
Freibnrg, verborgen; er macht sich be-
merklich, und da der Verstand deö Be-
schauers den Eindrücken, die er empfängt,
unwillkürlich uachrechnet, sind diese nicht
mehr naiv, was auf solch fortgeschrittener
Stufe der Kunst gar nicht möglich ist.
Dafür bezeichnet die Kölner Thnrmfassade
die Gothik in ihrer höchsten Entwicklung,
in ihrer reichsten Entfaltung, ist aber bei
aller ihrer Durchdachtheit und Planmäßig-
keit gleichwohl was sie sein will: ein him-
melanstrebender Lobgesang.

(Fortsetzung folgt.)

Der

Glasmaler Ludwig Mittermaier.

Bon Pfr. Detzel in St. Christina-Ravensbnrg.

(Fortsetzung.)

Durch eine große Viehheerde und einige
Gräben mich mühsam dnrcharbeitend, ge-
lange ich eben, als bei offener Kirchthür der
Küster zu Abend läutet, in die Kirche —
und vor mir, groß und ernst, steht segnend
der Heiland, meine erste Arbeit für Lauiugen!
Wie mich das ergriff! wie voll ernster Be-
wegung und voll freudigsten Dankes ich lange
dort verweilte! Die Begegnung mit den:
würdigen Geistlichen der katholischen Kirche
und einer Menge wunderbarer Beziehungen
zu ihm und dem Pfarrhaus zu geschweige!:,
das sind eben Dinge, die nicht hierher ge-
hören; aber ich sah den Lauinger von da
an mit ganz andern Augen an, mein fort-
gesetztes Arbeiten für ihn geschah in viel
gehobenerer Stimmung, denn ich hatte meine
Arbeit für ihn durch ihn verklärt wiederge-
sehen, und auch, ganz nüchtern betrachtet,
ben gewissenhaften Meister, der mit aller
Energie Allerbestes zu liefern trachtet, in
ihm erkannt.

Andreä erhielt immer mehr itnb größere
Aufträge, so daß ihm kaum mehr Zeit blieb
für feine Historienmalerei; er hatte aber
seinen Auftraggeber noch nie gesehen, auch
nicht seine persönlichen Verhältnisse, besonders
daß er stocktaub war, gekannt, sondern wun-
derte sich nur über eine gewisse leidenschaft-
liche Hast und heftige Klagen, die seine
Briefe mit der Zeit mehr und mehr erfüllten.
Da leidet es den edlen Künstler nicht mehr
länger, und er macht sich im Sommer 1862
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