Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 8.1890

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Die Maße des Baues sind der Bei-
lage zu entnehmen. Er gewährt im Schiff
480 Plätze für Erwachsene, 200 für Schul-
kinder, im Chor 20 Plätze, auf der Orgel-
empore 20, daneben noch 100 Sitzplätze
rechts und links ton der Orgel, im Ganzen
620 Sitzplätze für Erwachsene, 200 für
Kinder. Die Kosten des Neubaues be-
tragen nach vorläufiger summarischer Be-
rechnung ca. 78000 Mk.

Der Bericht über den gelungenen Plan,
zu welchem man den Meister beglückwünschen
darf, kann mit der sehr erfreulichen Nach-
richt geschlossen werden, daß der Stiftungs-
rath in Pfahlheim am 19. November v. I.
den Beschluß gefaßt hat, den Entwurf des
Herrn Architekt Eades von Stuttgart —
er ist der Meister — ansführen zu lassen
und die Bauoberleitnng diesem Herrn zu
übertragen.

Die sog. Aliserikordia- oder
(Lrbärmde-Bilder.

Boa Psr. Detzel in St. llhristina-Ravensburg.

Die älteste christliche Kunst und besonders
die des Mittelalters hat den Heiland in
den verschiedensten Phasen seines Leidens
dargestellt; sie verfolgt ihn mit ihrer Zeich-
nung vom Oelberg an bis zur Grablegung
und über diese hinaus. Selbst solche Vor-
kommnisse, die nicht in der hl. Schrift ver-
zeichnet sind, gleickwohl aber mit Recht von
der gesammten christlichen Tradition als ge-
schehen angenommen werden, hat sie oft
ins einzelste ausgemalt und ansgemeißelt.
Das Mittelalter aber hat dazu nun noch
ein Bild erfunden, in welchem gleichsam
wie in einem Eompendium die gesammte
Passions- und Todesgeschichte des
Herrn zusammengefaßt und in einer ein-
zigen Darstellung geschiloert wird: wir
könnten dieses Bild, in welchem die ganze
Tiefe der Schmach und Erniedrigung des
leidenden Heilandes, aber auch seine gött-
liche Hoheit und Ergebenheit ausgedrückt
ist, das Porträt des leidenden
Heilandes nennen. Dieses Porträt fin-
den wir in fast allen Epochen der christlichen
Kunst und in den verschiedensten Variationen;
besonders beliebt aber war es im Mittel-
alter, doch auch bis in die neuere Zeit hat
es sich erhalten. Mit Bezug auf Ps. 98,1:

„NmericordiaL domini in aeternum can-
tabo“ werden diese Bilder — besonders
Holzschnittbilder des späteren Mittelalters

— Mis erikordia - oder E r b ä r mde-
Bilder genannt. Es sollte aber durch
dieselben nicht etwa die Barmherzigkeit, die
der Herr durch sein Leideil erweckt hat,
gezeigt, also nicht so fast unser inniges Mit-
leiden mit dem leidenden Heiland hervor-
gernseil werden — denn dazu bediente sich
das Mittelalter einer weit kräftigeren
Sprache in den eigentlichen Passionsbildern,

— sondern es sollte durch diese Bilder
diejenige Barmherzigkeit Gottes dem be-
trachtenden Herzen nahe gelegt werden, die
der Heiland durch sein Leideil lind Sterbeil
all uns sündigen Mellschen geübt hat.
Nicht so fast Mitleiden, als vielmehr Freude
nild Trost sollte in dem Betrachter wach-
gernsen werden, sein Herz sollte dahin er-
wärmt werden, mit de»l königlichen Sänger
in deil Preis der göttlichen Barmherzigkeit
einzustililinen: misericordias domini in
aeternum cantabo!

Diese Bildchen sind in mancher Hinsicht
den löcee-borno-Darstellungen ähnlich,
dürfen aber ilicht mit ihnen verwechselt
werden. Wir sehen darauf gewöhnlich
Ehristns lilit deil Wundmalen, entweder
iul Mantel frei oder am Fuße des Kreuzes,
oder iil halber Figur im Grabe stehend,
die Hände über einander gelegt oder ans
seine Seitenwunde zeigeild, llingeben von
deil Marterwerkzellgen. M a r t i n S ch o u -
gaue r *) stellt ihn mit Dornen gekrönt vor,
die Hände ans der Brust gekreuzt, zwischen
Maria nild Johannes stehend (Bartsch 69).
Sehr oft hat den „Schmerzensmann" be-
sonders A. DürerH behandelt, sowohl
iil Kupferstich als im Holzschnitt; haupt-
sächlich berühmt und gerühmt ist das
Titelblatt der kleinen Holz-
sch nitt-Pa ssioil, ans dem Christus mit
der Dornenkrone, sein Haupt auf die rechte
Hand stützend, zusaimilengekanert aus einem
großen Steille sitzt. Diese derbe Dürer'sche
Darstellung mag allerdings ihrer Zeit
populär gewesen sein, allein das fast nn-
erschöpfliche Lob, das ihr noch in nnsern

0 Vgl. Dr. A. v. Wurzbach, Martin
Schvngauer, eine kritische Untersuchung seines
Lebens und seiner Werke. Wien 1880. S. 94.

2) Danko, A. Dnrer's Schmerzensmann,
Budapest 1882. S. 20.
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