Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 8.1890

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aus beut 14. Jahrhundert stammenden
Bilderbnche, genannt. Besonders ist es
das Kreuz, das hier unter den sämmtlicheu
Leidenswerkzeugeu Christi die vornehmste
Stelle eiuuimntt. Wir sehen hier in einem
Bilde, das Christunt bei seinem Hinab-
steigen zur Vorhölle darstellt, wie der
Satan sich dem Herrn entgegenstellt, um
als der starke Bewaffnete fein Reich zu
vertheidigen, wie aber Christus, der Stärkere,
ihn überwindet. Die Waffe ist das Kreuz,
das Christus mit der rechten Hand hält
und dessen unteren Theil er dem Satan
in den Rachen stößt. Ein anderes Bild
daselbst zeigt nicht bloß das Kreuz, sondern
auch andere Leidenswerkzenge und zwar
unter dem Rainen »arma Christi«. Es
ist hier die hl. Jungfrau vorgestellt. Ihr
zur Seite sieht man das Kreuz, an dem-
selben die Dornenkrone, die Rägel und
die Würfel. Reben dem Krenze befinden
sich die Geißelsänle mit den Banden, der
Hammer, die (Zange, der Speer, die Fackel,
das Wassergefäß und der Stab zum Ein-
drücken der Dornenkrone. Maria trägt
in der linken Hand die Geißel, mit der
rechten hält sie eine Ruthe, sowie das
Rohr mit dem Schwamm. Das untere
Ende des Rohres stößt Maria dem zu
ihren Füßen liegenden Teitsel in den
Rachen. Unter dem Bilde ist ztl lesen:
»Armis passionis Christi Maria se ar-
mavit, quando contra dyabolum ad
pugnam se pracparavit.«

Diese „Wappen Christi" sehen wir auch
in größerer oder geringerer Zahl an den
sog. P assi o n ssäulen, d. h. an den
Darstellungen der Säule, an welcher
Christus gegeißelt wurde, abgebildet. Die
Marterwerkzeuge oder sonstigen Embleme
des Leidens Christi verzieren hier gewöhn-
lich den Schaft, während oben auf der
Säule der Hahn Petri sitzt. (Schluß s.)

Der L)irsauer Bilderfries?)

Briefe an einen Alterthümler von Stadtpfarrer
Eng. Keppler in Frendenstadt.

E r st er Brief.

Was sicht Sie an? Was für ein
finsterer Geist treibt Sie, mir so in der

st Die Beilage zitr nächsten Nununer wird
eine Abbildung des ganzeir Frieses bringen nach
einer Aufnahme von Herrn Zeichenlehrer C. Din-
kelacker.

Seele wehe zu thnn? Ich bat um Brot
und Sie reichten mir einen Stein; ich bat
Sie um Ihre Mithilfe zur Erforschung
eines Thatbestauds, wofür ein Einzelner
tticht genügt, um einige zuverlässige An-
gaben, die zusannneugenommeit mit meinen
eigenen Beobachtungen vielleicht feste An-
haltspunkte abgeben könnten, um ettdlicb
einmal jenen seltsamen Gebilden ans den
Zahn fühlet: zu können, die wie ein Frage-
zeichen atts grauer Vorzeit uns anschauen;
ich fragte Sie, was es mit den Löwen, den
Böcken, beit drei bebarteten Männern, dem
Rad und der Jungfrau am Friese des
romanischen Thnrmes von Hirsau auf sich
habe; und was thnn Sie, Herzloser?
Sie schicken mir in neuer Aufwärmung
und dazu in konzentrirter Dichtigkeit all
das tolle Zeug zu, welches Unkenntniß und
Oberflächlichkeit im Bunde mit zügelloser
Einbildungskraft und kecker Behanptnngö-
sucht jemals ansgeheckt und mit der lächer-
lichen Anmaßung in Umlauf gesetzt haben,
ans diese Weise altehrwürdige Geheimnisse
zu enthüllen, welche, durch derlei täppische
Annäherungsversuche zurückgeschreckt, nur
desto tiefer wieder in ihr unerforschtes
Dunkel untertaucheu! Verblaßt sind nun
mit einemmal die leisen Ahnungen eines
tiefen Sinnes, die gleich Schemen vor
meinem geistigen Auge aufzudämmern be-
gannen ; zerstoben sind die dünnen Ge-
dankenfäden, welche schon die urthümlichen
Gestalten zu umspinnen und zu einem
inneren Zusammenhang zu verbinden
schienen. Die Hoffnung ans eine gedeih-
liche Lösung des Räthsels ist wieder ein-
mal vertagt; so fremd, so unverständlich
wie nur je starren die stnmmeu Zeugen
längst vergangener Zeiten ans mich her-
nieder — und Sie stehen, schadenfroh
die Hände reibend, zur Seite und fragen
mich wie zum Hohn, „was ich dazu sage".
Als ob da noch etwas zu sagen wäre, wenn
einer (wie Sie mir melden) ein Rad, das
übrigens mit einem Mühlrad entfernt keine
Aehnlichkeit hat, ohne jeden Grund ans
die Hirsauer Mühle deutet, die der Sage
nach die Geburtsstätte des späteren Kaisers
Heinrich III. sein soll: welche Sage übri-
gens den Erbauern des Thnrmes kaum
bekannt gewesen sein kann und jedenfalls
erst ein Jahrhundert nachher in schriftlichen
Meldungen vorkommt, vgl. Klaiber, Hir-
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