Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 9.1891

Seite: 36
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geheißen, mit ihren säbelförmigen, gewun-
denen Hörnern. An dem romanischen Tanf-
stein in Frendenstadl entdeckten wir den
Hirsch, der Schlangen frißt; das Einhorn,
diesmal im Kampf mit dem Löwen, die
Schlange, die zuerst den Kopf gu decken
sucht; lauter Geschichten des Physiologus

— den Panther nicht zu vergessen, von
dem bis dahin gar keine Knnstanwendnng
bekannt war (S. 211). (Vgl. Archiv
1889 S. 4 ff.) Vielleicht ist auch jenes
fragliche Dreiblatt, das dem Zusammen-
hang nach nicht anders denn als schlangen-
vertreibendes Mittel anfgefaßt werden kann,
auf den Baum Peridexion oder feine Vor-
läuferin, die Esche, zurückzuführen? Von
dem jedenfalls seltenen Vogel Charadrins,
von welchem Lanchert kein Beispiel anführt,
findet sich eine Darstellung in dem Bestia-
rinm Wilhelms von der Normandie ans
dem 13. Jahrhundert (abgebildet in Cor-
blet, Revue 1861 S. 157) und zwar sitzt
er dort auf dem Kreuzesbalken dicht über
dem Haupte des Erlösers und schaut die
Herzutretenden an — er der Vogel, dessen
Anblick die Kranken heilt: welch eine packende
Darstellung des Heilswerks der Erlösung!

— Wenn es einem unserer Leser gelänge,
einen Fuchs, der wohl kaum, oder einen
Elephanten, der jedenfalls selten in die
altdeutsche Kunst Eingang gefunden, anf-
znstöbern, so hätte er einen seltenen Fang
gemacht. Aber auch von Thierbildern,
deren Vorkommen schon nachgewiesen, sind
weitere Beispiele stets willkommen. Nur
aus der vergleichenden Nebeneinanderstel-
lung vieler Fälle können sichere Handhaben
zu einer objektiven Behandlung des Gegen-
standes gewonnen werden. Aus der Fülle
kommt die Klarheit, in der Tiefe liegt die
Wahrheit. Auch ist ja bei einem sich vor-
sindenden Thierbild, wenn schon, was nicht
immer leicht, seine Identität festgestellt ist,
erst zu prüfen, ob es nicht eine bloße
Zierat, ob es wirklich in einem geistigen
Sinne zu deuten; und sodann ob dieser
Sinn hier der einfache der Schrift oder
der zusammengesetzte des Physiologus sei,
welche beiden Sinne sich oft unterscheiden
wie die einfache Blume von der gefüllten.

Wir stellen deßhalb au unsere Freunde
das Ansuchen, nach dergleichen verdächtigen
Urthieren zu fahnden und sie im Betre-
tungsfalle an das Bestiarium der Redak-

tion einzuliefern. Eine Betrachtung der
uüttelalterlichen Kunstdarstellungen im Lichte
des Physiologus und umgekehrt wird sicher
ihre Früchte tragen. Das vorliegende Buch
ist vorzüglich geeignet, zu solcher Betrach-
tung anzuregen und sie zu fördern. Wer
es durchgelesen, der schaut das Mittelalter
mit verständnißvolleren Augen an; seine
kurz vorher noch so fremdartigen Gebilde
steigen ihm von den Sockeln und nahen
sich ihm wie alte Bekannte — obwohl
dieses Buch mit Bildwerken sich fast gar
nicht befaßt: und — merkwürdig! — ob-
wohl es seine ausgebreitete Gelehrsamkeit
an einen alten Alexandriner wendet —
verschwendet, hätte mein noch vor 20 Jahren
gesagt, als noch das Studium des Alter-
thums mit Ausnahme des klassischen für
nicht standesgemäß galt —, gibt es uns
doch (wie wir gesehen) eine überraschende
Kenntniß von gewissen Anschauungen unb
Ideen, die im Mittelalter allenthalben
herrschten, und läßt uns trinken an den
unverfälschten Quellen unseres eigenen
Volksthums. Darin besteht der eigentliche
Reiz dieses Buches und sein Werth für
Jedermann!

Line Pieta ans der St. Jakobs-
Kirche in Nürnberg.

Vielleicht die künstlerisch vollendetste
Pieta, welche das Mittelalter geschaffen,
befindet sich in Nürnberg in der St. Ja-
kobskirche und ist auf einer Konsole an
derselben Wand angebracht, an welcher
eine Veit Stoß zuzutheilende große Pieta
ihre Aufstellung gesunden hat. Wir geben
von der nur 1,04 m hohen, 1 m breiten
Skulptur eine kleine Nachbildung.

Bode in der neuesten Geschichte
der deutschen Plastik (Berlin, Grote
S. 128) stellt dieser Skulptur gegenüber
die überall bekannte und viel nachgebildete
schmerzhafte Mutter unter dem Kreuz im
germanischen Museum zu Nürnberg. Er
weist aus die unverkennbare Verwandt-
schaft beider hin, was Gesicht und Ge-
wandung, wie Vorzüglichkeit der Ausführung
anlangt, und theilt beide einem und dem-
selben Meister zu. Wir vermögen den-
selben aber nicht mit Namen zu nennen.
Jedenfalls ist es nicht Veit Stoß; wenn
je einer seiner Schüler, so jedenfalls ein
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