Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 11.1893

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Archiv für christliche Kunst.

Organ des Rottenburger Diozesan-Oereins für christliche Run ft.

Herausgegeben und redigirt coti profeffor Dr. Keppler in Tübingen.

Verlag des Rottenburger Diözefan-Runftvereins, für denselben: der Vorstand Professor Dr. Reppler.

Erscheint monatlich einmal. Halbjährlich für di. 2.05 durch die württembergischen (di 1.90
im Stuttgarter Bestellbezirk), ^-2.20 durch die bayerischen und die Reichspostanstalten,
y--. fl. 1.27 in Oesterreich, Frcs. 3.40 in der Schweiz zu beziehen. Bestellungen werden

auch angenommen von allen Buchhandlungen, sowie gegen Einsendung des Betrags direkt r()y ^,
von der Expedition des „Deutschen Volksblatts" in Stuttgart, Urbansstraße 94, zum
Preise von di 2. 05 halbjährlich.

Die Rirchenreftaurirung in Glatt
Mohenzollern).

Von Pfarrer Naible in Glatt.

1. Geschichtliches.

Die Pfarrei Glatt ist alt. Schoil der
Liber decimationis cleri Constanciensis
pro Papa vom Jahre 1275 führt sie auf
mit der Eiukommens-Fasfiou. Es heißt
darin: „VI. In decanatu Kürnbach siuve
Sultz: Glatte. Rector jur. dielt sex
marcas et decem sol. Tüwingen. den.
in redd.“ Später kam die Pfarrei zitm
Laudkapitel Rottweil und im Jahre 1811
zum Dekanat Haigerloch. — Im Jahre
1293 am Dreikönigsfeste konsekrirte der
Konstauzer Weihbischof Frater Bonifatius,
Ord. Lrernit. 3. Augustini, auf An-
suchen Herrn Ulrichs von Nenneck Chor
und Altar der Kirche. Die Pfarr-Chronik,
ein äußerst merkwürdiges Buch, bewahrt
noch iil Abschrift den Wortlaut der bischöf-
lichen Konsekrations-Urkunde. Das Lang-
haus mag später gebaut worden sein. Gegeil
Ende des 15. Jahrhunderts muß die Kirche
baufällig gewesen sein; denn die Edlen von
Neuneck als Herren zu Glatt nahmen
sich vor, Chor und Kirche von neuem zu
bauen. Da sie dies nicht allein vermochten,
sammelten sie im Jahre 1498 Almosen
dazu. So ward der Chor im Jahre 1505
vollendet. Dann stockte der Bau wegen
Geldmangels. Es wurde deßhalb anno
1508 ein neuer „Compaß- oder Mitleyd-
brief" in Umlauf gesetzt und mit dessen
Ergebniß auch das Schiff im Jahre 1510
vollendet. Der erste Alinosenbrief vom Jahre
1498 lautete nach der Pfarr-Chronik also:l)

0 Gerne geben wir diesem eingehenden Be-
richt Raum, weil derselbe in mehr als einer
Hinsicht lehrreich ist und jedem, der mit einer
Kirchenrestauration zu thun hat, gute Winke zu
geben vermag.

„Allen und jeden geistlichen oder weltlichen
Prelaten, Grauen, freyen Herren, Ritteren, Edlen,
Pröbsten, Dechanten, Kirchherren, Kaplänen re. rc.
unsren gnädigen Herren und guten Freunden
entbieten >vir Hanns von Nünegg der älter, der
Zit Obervogt am Schwarzwald, Anton und
Hanns der jünger auch bede von Nünegg, Alle
der Zit zu Glatt, Gevetteren, unfern nnter-
thänige, willige Dienste und freundlichen Gruß
zuvor; und fügen auch hiemit zu wissen, daß
Wir mit samt den armen Löten in unserm Dorf
zu Glatt deir Kohr an der Pfarrkirche daselbst
zu bessern und zu bauen fürgenohmen haben.
Solchen schweren Bau zu vollbringen us schein-
barer Nothdnrft in des Heiligen kroch der armen
Luten zn Glalt vermögen nit ist: sondern aus
jetzt gemelter Ursach euch und andere kristliche
Menschen und fromme biedere Liit um das heilig
Allmosen ersuchen müssen. Demnach ist unser
obgemelten von Nünegg unterthänige Bitt an
euch freundlich und fleißig begehrende, in >vas
Wesen, Würde oder (Stands die sind, wo solcher
unserer gesandte Bott, Zeiger dieses Briefs euch
zn Hans oder Hof kommet, um das heilig All-
mosen um Gottesgab bethende, ivollet euch den-
selbigen um Gottes und der lieben Heiligen
willen und zum getreulichstekr empfohlen sein
lassen und das wollen wir um einen jeden in
sonderheit, in was Wesen, Würde oder Standes
der ist, wo sich das immer füget zusamt der Be-
lohnung des Allmächtigen xutb der lieben Hei-
ligen obbestimmt, mit unseren unterthünigen
Diensten williglich verdienen, ukkd freundlich be-
schulden. Am Montag nach St. Paul Bekeh-
rung 1498."

Im zweiten Almosenbrief vom Jahre
1508, welcher mit dem ersten nahezn gleich-
lantend ist, heißt es: „Da wir den Kohr
angefangen und die Pfarr-Kirchen von
Nüwem zu banwen fürgenohmen haben,"
— während es im ersten heißt: „den
Kohr an der Pfarrkirche zn bessern und
zlt bauen." Man wird also annehmen
dürfen, daß am Chor von dem ersten Bail
von anno 1293 eiilzelne Theile, etwa die
Grundmauern, noch benützt werden konnten,
woher vielleicht die großen Unregelmäßig-
keiten am Sockel des Chores kommen mögen,
wie sie henke vorhanden sind. Die Kirche
wurde in spätgothischen Formen ausgesührt,
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