Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 12.1894

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angedeutet, muß jede Bemalung, welche
wirklich architektonisch und monumental
sein will, mit diesem Unterschied rechnen;
sie darf ihn nicht negiren und verwischen,
sondern muß ihn betonen und hervorheben.
Da die dunklen und warmen Töne mehr
Tragkraft und mehr Wucht haben als die
kalten und Hellen, so wird sie jene erstge-
nannten Teile im allgemeinen vorwiegend
mit dunklen und warmen Farben bedenken,
die Flächen mit Hellen und kalten. Bei-
spiele ans der alten Zeit siehe Zeitschrift
für christliche Kunst I. S. 164 ff.

c) Was von der Farbe gilt, gilt auch
vom Ornament. Daß dasselbe mit dem
Stil des Baues übereinstimmen muß, ist
selbstverständlich. Es sind nun aber auch
dein Gesagten entsprechend die unteren Bau-
theile nur mit sehr kräftigem, ruhigem,
wuchtigem Ornament oder bester noch für
die Regel ohne alles Ornament, bloß mit
Einem Farbenton zu behandeln. Das Or-
namentband, welches die dunkle und schwere
untere Farbenregion abschließt, wird eben-
falls ein ernstes, kraftvolles, womöglich
ein der Architektur entlehntes oder streng
geometrisches Motiv sein; die freieren, luf-
tigeren, die vegetabilischen Ornamente sind
für die oberen Regionen vorzubehalten.
Das gleiche gilt von der ornamentalen
Behandlung der Hauptglieder im Unter-
schied von den Flächen.

6) Betreffs der figürlichen Malerei
finden sich von der altchristlichen Periode
an durch das ganze Mittelalter hindurch
zwei Systeme verwendet; das eine bevor-
zugt sehr helle Hintergründe, das andere
sehr kräftige unb dunkle. Beide Systeme
sind verwendbar; es ist nur darauf zu
achten, daß die warmen Farben den Fi-
guren Vorbehalten bleiben, also die Hinter-
gründe kalte Töne bekommen. Doch kön-
nen auch Hintergrund und Figuren warm-
tönig sein. Z. B.: Grund Umbra, Fi-
guren warmer Naturton (grau mit etwas
gelb), Heiligenscheine Lichtocker; unten am
Bild ein Streifen Dunkelocker, oben ein
Streifen Englischroth — fünf Töne, welche
sehr angenehm zusammenmusizieren. Wei-
tere Ausführung und Beispiele siehe Zeit-
schrift für christliche Kunst I. S. 304 ff.

Das sind nun wohl Gesetze, abgeleitet
aus dem Wesen der monumentalen Male-
rei, bekräftigt durch das Beispiel der klas-

sischen Periode. Wir haben Gesetze, aber
wir haben nicht das Gesetz. Jene Sicher-
heit, mit welcher die Aegypter und die
Griechen, mit welcher die altchristliche und
mittelalterliche Kunst die Architektur male-
risch zu behandeln wußten, mit welcher sie
jeden Bau, ob groß oder klein, das ihm
auf den Leib geschnittene und tadellos
sitzende Farbengewand, bald schlicht und
einfach, bald von strahlender Herrlichkeit,
zu besorgen verstanden, eine Sicherheit,
die nicht auf der schwanken Grundlage
von Gefühl und Geschmack, sondern auf
klarer Kenntniß des Gesetzes und auf
sicherer Tradition beruhte, — diese Sicher-
heit ist uns abhanden gekommen. Wir
sind auf das Experimentiren angewiesen.
Dabei können die oben angeschriebenen
Maximen vor manchem Irrweg bewahren,
und das Studium der Alten, das
beständige A n s ch a u e n tüchtiger
M e i st e r w e r k e, das S i ch v e r s e nk e n
und S ichhi nein leb en in deren
Farben Harmonien kann int 8 auf
richtige 2Bege leiten. Aber schließ-
lich wird doch immer uur ein gut
veranlagtes und t ü ch t g geschul-
tes malerisches Talent einen künst-
lerisch b efri edi g e nd en Bemalungs-
plan für eine Kirche entwerfen
können, wäre es auch ein einfacher
Bau und wäre auch nur eine ein-
fache Bemalung in Aussicht ge-
nommen. Man kann nicht in einigen
Stunden und Tagen, man kann nicht durch
eine Reihe von Gesetzen und Regeln, man
kann nicht durch Anlernung gewisser Hand-
griffe und Praktiken jemand in die monu-
mentale Malerei einschulen. Die profane
Dekorationsmalerei, von welcher unsere
Kirchenmaler meist Herkommen, kann für
die Kirchenmalerei eine gewisse Vorbildungs-
schule sein, in den meisten Fällen ist sie
vielmehr eine Mißbildungsschule. Wenn
ein Zimmermaler so frech ist, ohne wei-
teres in die Kirche einzudringen und Kir-
chenwände zu bemalen wie er vorher Zim-
merwände und Zimmerplafonds bemalt hat,
so wird er zum Verbrecher, der Kirchen
schändet und mit Pinsel und Farbe Schand-
thaten verübt, welche an ihm und seinen
Auftraggebern geahndet werden sollten.
Wenn der Verfasser der mehrgenannten
Broschüre seine Ausführungen mit dem
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