Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 12.1894

Seite: 33
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Barokkirchen Oberschwabens zum Gegen-
stand eingehender Forschungen gemacht hat,
der glückliche Fund eines Faszikels von
chronologisch nicht geordneten Weissenaner
Bauakten gelungen, die, als das Kloster
im Jahre 1834 ans dem Besitz der Grafen
Sternberg-Manderscheidt an die Krone
Württemberg gekommen, in die Negistratur
des Kameralamts Weingarten gelangten. *)
Auf den Wunsch des Finders wird ihr
sehr wicbtige und reichliche Aufschlüsse,
zumal über die in Thätigkeit gewesenen
Architekten, Bildhauer, Maler und Stnkka-
toren gebender Inhalt in Nachstehendem
veröffentlicht.

I. Die Bauten des 17. Jahr-
hundert s.

1) Abt Johann Christoph Härtlin(1616
bis 1654) sahsich wegen ruinösen Zustands
des neben der Kirche zwischen Chor und
Schiss gestandenen T n r m s genöthigt, diesen
bis ans die vier unteren viereckigen Stock-
werke abtragen zu lassen. Er ließ ein
fünftes viereckiges Stockwerk für das Ge- I
läute erbauen, dieses mit einem Gang oder !
Kranze krönen und den Thurm durch zwei
weitere, engere, achteckige Stockwerke und
watsche Kappen in einer Höhe von 140 Fuß
abschließen. Die Arbeit übernahm der von
dem Prälaten von Ursperg empfohlene
Bau- und Maurermeister Hans G ngg en-
moß von Weilheim gegen einen Lohn von
1150 fl. in Reichsthalern, Hostisch, Quar-
tier für die Arbeiter, tägliche 1V2 Maß
Wein und eine Verehrung für seine Frau.
Der Grundstein zum Neubau wurde über
dem vierten Stockwerk am 2. Mai 1623
gelegt und das Ganze in demselben Jahre
am 28. August vollendet?)

Die Thurmuhr lieferte 1626 Uhrmacher
Andreas Ranch von Lenlkirch um 305 fl?)
Der Thurm wurde im Jahre 1656 vonj
Hans Kocher, Zimmermeister aus Hin-
delang, mit eichenen angestrichenen Schi »deln
gedeckt. Der Meister erhielt dafür 160 fl.,

3 Malter Kernen und 3 Felle zu einer
Kleidung?)

0 VI. Sect. IV. Fasz. 30, lit. b—f.

2) Vertrag vom 2. April, zwei Konzepte;
vgl. John a a. O. 115.

3) Vertrag vom 17. November.

4) Vertrag vom 27. Mai, zwei Konzepte oder
Kopien.

2) Der noch setzt stehende Ch 0 r der Klo-
sterkirche wurde, nachdem der alte baufällig
geworden?) in den Jahren 1628—1631
von „Martin Barbierer, Werk- und
Maurermeister von Nnesfle im Sachsser-
thal", ans Grund ihm vorgezeigten Visiers
erbaut, gedeckt und mit Ausnahme des
oberen Gewölbs bestochen, anch eine ge-
mauerte Hanptdohle unter ihm dnrchgeführt.

Die Entlohnung sollte bestehen in 2200 fl.,
30 Malter glatten Kernen, 30 Malter Roggen,
acht Viertel Breimchl, IV2 Zentner Schmalz,
2 Salzscheiben, 6 Strich gestampfter Gerste und
nach Vollendung des Baues eine standesgemäße
Kleidung verabreicht werden. Im Fall des Ab-
lebens habe Alb recht Barbierer, der Bruder
Martins, einzustehen. Die Abtei liefert dem
Baumeister und dessen Gesinde Behausung, Holz,
Liegerstatt, und hat ersterer die Tafel bei den
Amtsleuten, oder im Konvent, in seiner Ab-
wesenheit dessen Bruder bei den Hofdienern mit
einer halben Maß Wein zu jedem Essen, und
wenn auch er nicht anwesend, hat der Balier
den Meistertisch. Alle Baufahrnis und Bau-
materialien liefert das Kloster und übernimmt
den Abruch des alten Chores und das Graben
des Fundamentes?) Die Arbeiten begannen
den 26. April 1628 und die Verrechnungen
gehen vom 19. Mai genannten Jahres bis zum
25. Januar 1631. Im Jahre 1632 schuldete
das Kloster für den Bau noch 540 fl., welche
Summe wegen der Kriegsläufe erst vom nächsten
Abte Bartholomäus Eberlin (1654—1681) an
die Söhne der Gebrüder Martin und Albrecht
Barbierer unter dem 2. Juni 1668 abgetragen
wurde. Beide führen den Namen Julius. Der
eine unterschreibt auf der Quittung, wo sie sich
als Söhne der beiden nennen: „Jo D. Giulio
Barbiero affermo come sopra“, der andere:
„Julius Balbierer, Maurermeister."* 2 3 4)

Mit Martin, Albrecht Barbierer und
Giulio Barbiero lernen wir drei neue
Banmeisternamen kennen, der schon bekannte
vierte, als „Jtllins Balbierer" Unterschrie-
bene dürfte mitdem „Julius Barbier" identisch
sein, welcher in Gemeinschaft mit seinen Brü-
dern Dominikus und Perrnsdie Benediktiner-
kirche zu Jsny von 1660 ab erbaut hat?)

0 Vielleicht war es noch derjenige des ersten
Baues, eiugeweiht 1172. Acta S. Petri in
Augia, edid. Baumann; Karlsruhe 1877 pag. 10.

2) Baugeding vom 15. Juli 1627 in Konzept
nud dreifacher Reinschrift.

3) Sie siegeln zweimal mit einem und dem-
selben Petschaft, das wohl dem letzteren gehörte:
im Schild eine Lilie; Helmzier ein halber Mann
mit Hut, der in der erhobenen Rechten ein breites
Messer hält. Daneben: I. B.

4) S. Kepplers Württembergische Kunstalter-
thümer 391 und die Mittheilungen aus Jsny in
P. Becks Aufsatz Nr. 10, Jahrgang 1893, S. 95

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