Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 12.1894

Seite: 45
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treiben, mindestens 30 Stunden lausen und
die Stunden zweimal schlagen. Preis 900 sl.
und die Darangabe der alten Uhr, soweit
nicht ihre Theile für die neue brauchbar.
Bürge ist Senator und Glockengießer
Peter Ernst/) welcher drei Jahre zuvor
die 103^2 Centn er schwere Dreifaltigkeits-
glocke für Weissenau geliefert hat.

Die kurze „Uebersicht" bemerkt: „Die
übrigen Accord und Verding für L-tein,
Gips, Kalk, Eisen und andere Materialien,
auch verschiedener Handwerksmeister Lohn
und Verdienst sind — als zu weitläufig
und ohnedem nicht mehr sestzustellen —
übergangen". — Es fehlen die Nachweise
über das Chorgestühl (17. Jahrhundert),
über verschiedene Altäre, Orgel, die schönen
eingelegten Sakristeikästen.* 2)

Aber dankbar wird man in Anbetracht
des in dieser Darstellung Beigebrachten
sein müssen, daß sich trotz der für der-
artige Akten gefährlichen Ungunst der Zei-
ten, doch so vieles und wichtiges Material
in unsere Zeit herübergerettet hat.

(Fortsetzung folgt.)

lieber schwäbische (Ulmer) Miniatur-, ins-
besondere Brief- und Aartenmaler.

Voir Amtsrichter a. D. Beck.

In der Kunst des Mittelalters nahm die zuerst
in den Klöstern zu religiösen Zwecken, namentlich
auch zu Ablaßbriefen ansgeübte, dann aber schon
im Verlaufe des 14. Jahrhunderts in das bürger-
liche Geiverbe nbergegangene Briefmalerei,
eben eine Abart der Miniaturmalerei, sowie auch
das Kartenmalen keine unbedeutende Stelle
ein. „Briefe" (Lreve sc. scriptum) nannte
man in älteren Zeiten jedes Blatt Papier, in
ivelchem Formate es auch und ob es ein Ablaß-
brief. Heiligenbild, eine Anordnung oder eine
Spielkarte oder dergl. sein mochte, welches nur ans
einer Seite beschrieben, bezeichnet, gemalt oder
gedruckt war. Briefe und Karten sind sehr aus-
einander zu halten; insbesondere ist es nicht

0 Siegel des Ernst: In quergeteiltem Schild
oben ein Mörser, unten ein liegendes Geschütz-
rohr. Helmkleinod ein geflügelter halber, in der
rechten Kralle eine Glocke haltender Greif. Die
Beschreibung der Glocke s. in meiner Brochüre
S. 29.

2) Von dem Heiligblntgefäß (Brochüre S. 12)
berichtet die „Uebersicht": „Anno 1707 ist das
hl. Blut neu gefaßt worden. (Ans dem Gefäß
steht 1709.) • Der Krystall sammt Arbeit kostete
94 sl., das Gesäß sammt Ketten und Macherlohn
88 fl. Das Gold, außer fünf vom Goldschmied
gegebenen Dukaten, und die Steine beschaffte
das Kloster." Der Name des Künstlers ist leider
nicht genannt.

richtig, daß man die Karten in älteren Zeiteil
in einigen Gegenden „Br iefe" nannte, sowie
daß die Kartenmalerei älter als die Briefmalerei
war; erst in späterer Zeit ist diese Benennung
beziehnngsiveise Vermengung ansgekommen. Ans
Folgendem, in einem Nördlinger Rathsprotokoll
vom 26. September 1539 enthaltenen, bei Joseph
Heller, Geschichte der Holzschneidekunst (Bam-
berg, im Verlage von Karl Friedrich Kunz,
1823, S. 308, 309) angeführten Einträge: „Franz
Böglin (Kartenmacher) snpplicirt. Franz Scbar-
pfen (gleichfalls Kartenmaler und Buchdrucker)
abznstricken, das er karten nit öffentlich im
Laden neben Büchern und priesen feil haben
soll. Ist im geantwort sein Bitt Hab nit statt,
tvell er, so mög er auch einen Laden besteen nnb
darin feil haben sein arbeit", geht hervor, daß
Briefe und Karten etwas ganz anderes von
einander Verschiedenes tvaren und daß man
unter Briefen nur einzelne auf einer Seite ge-
druckte Blätter mit oder ohne Verzierungen und
Holzschnitte — vielfach inhaltlich Verordnungen
und obrigkeitliche Verbote in der gewöhnlichen
Patentform ■— verstand und daß Briefmaler,
später nach Erfindung des Formenschnitts und
der Bnchdrnckerknnst „Briefdrucker" genannt, und
Kartenmacher (Kartenmaler, Kartendrucker) an
sich verschiedene, wenn auch öfters mit einander
verbundene, von ein und derselben Person ans-
genbte Professionen bildeten. Namentlich blühte
diese Art von Kleinkunst, wenn man sie so nennen
darf, ein echtes Stück der in den süddeutschen Reichs-
städten sich so häufig findenden anmnthenden Ber-
einigung der Kunst mit dein städtischen Handwerk,
in den damals so kunstreichen Reichsstädten II l m
und Augsburg und hatte hier >vie anderivürts zeitig
das schon einige Zeit vor Erfindung der Bnch-
drnckerknnst aufgekommene Formschneiden, d. h.
die Kunst, in Holz zu schneiden und es abzn-
drucken, diesen Vorläufer der Bnchdrnckerknnst,
in ihren Bereich und zu Hilfe gezogen, und waren
die Ulmer Brief- und Kartenmaler fast nicht
minder zahlreich wie die Tafelmaler, Anfäng-
lich der Zeit des Formschnitts beschränkte sich
das Ansmalen voll Bildern in Holzschnitt, ab-
gedruckt ans Blättern in Form der Briefe, bloß
ans Heiligenbilder, nnb bildliche Darstellungen
von Scenen aus der biblischen Geschichte, nament-
lich der Krelizigling, der Himmelfahrt, der ge-
sammten Passion, der hl. Jungfrau, der Heiligeil,
des Weltgerichtes sowohl für das zu jener Zeit
sehr im Schlvnnge gelveselle Wallfahrtswesen
lllld ähnliche Gelegenheiten als auch zum Zlveck
der Erklärung und Veranschanlichiliig des christ-
lichen Unterrichtes, lieber oder unter den Bil-
de« ll lvar der ausführlich erklärende Text ange-
bracht, lvelcher ans dem Ganzeli einer Holztafel
geschnitten lvar; Anfangs stalid er ailf dem glei-
chen Blatte mit dem Bilde, bald auch gegenüber
dem Bilde auf eigenem besonderen Blatte, das
wie das Bild selbst immer nur auf der ein eil
Seite bedruckt lvar. Bald begnügte sich dieser
Kunstzweig nicht mehr mit religiösen Vorwürfen,
sondern legte sich vornehmlich ans die Verferti-
gung voll Kartenbildern, d. h. voll Spielkarten
(liicht etlva von Landkarten), was mit der Zeit
für die Ulmer Künstler ein bedeutender Erlverbs-
zweig wurde. Die Ulmer waren liehmlich von
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