Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 12.1894

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würdigen Denkmälern der Schreiberei und Ma-
lerei der Vorzeit reichsten Bibliotheken in Deutsch-
land ist die herzoglich Braunschweigsche Biblio-
thek zu Wolfenbüttel. Ist sie auch an sich noch
nicht so alt und datirt sie ihre Entstehung erst
in die Mitte des 16. Jahrhunderts, so wurde
doch gleich nach ihrer Gründung, also in hiefür
noch sehr günstigen Zeiten, hauptsächlich auf ur-
alte und 'alte Erwerbungen an Handschriften
und dgl. sorgfältig Bedacht genommen; insbe-
sondere war der (1579 geb.) Herzog August der
Jüngere ein ungemeiner Förderer dieser Biblio-
thek,'welcher in ganz Europa eigene Bücherjäger,
Büchergeschäftsträger, Agenten w., so zu Augs-
burg beu Phil. Heinhofer und Elias Ehiu-
ger, in Stuttgart den Hanpttheologen Joh.
Val. Andrea, zu Nürnberg den Nath For-
steuhäuser, in Paris die beiden Wicqueforts,
zu Noin den berühmten Jesuiten und Universal-
gelehrten Athanasius Kircher u. s. f. unterhielt.
Letzterer verehrte im Jahre 1666 dem Herzog
ein werthvolles, noch heute in der Bibliothek
befindliches „Evangeliarium syriacum vetus“ aus
dem Jahre 634 „für die vielfachen ihm erwiesenen
Wohlthaten". Dieser glühendste Sammlereifer,
durch die überaus günstigen Zeiten des 30jähri-
gen Krieges unterstützt, führte damals ans allen
Weltgegenden die kostbarsten, seltensten literari-
schen Schätze nach Wolfenbüttel. Beispielsweise
finden sich° daselbst aus schwäbischen Klöstern,
io auch ans Schussenried verschiedene alte Druck-
werke. Aber auch unter den handschriftlichen
Schätzen, der Stärke dieser unvergleichlichen
Bibliothek, bei denen leider nur sehr selten die
Herkunft angegeben ist (was ja bei mönchischen
Arbeiten die Regel, denn nur in den seltensten
Fällen haben ihre Urheber es der Mühe werth
gefunden, sich zu nennen; ihr Ruhni fällt nn-
ansgeschieden dem Orden und Kloster, denr Abt
oder Propst zu), scheint Einiges s ch w ä b i s ch e n
Ursprunges zu sein Abgesehen von einein aus
dem II. Jahrhundert stanrmenden Psalterium
cum calenclario (124 Blätter in Folio; Schöne-
mann a. a. O., I, Nr. und S. 32), einer gleich-
zeitigen Musikhandschrift: „Poetblas de musica
et Ottoniis Cluniacens. Encliiridion music.“
(vielleicht aus dem Ulrichskloster in A. ?, Schöne-
mann a. a. O., I, S. 34, Ziff. 35) und einem
„Evangeliarium latinum“ ans 181 Blättern aus
denl Jahre 1194 (a. a. O., I, S. 36, Ziff. 45),
ist es insbesonders ein mit den schönsten
Gemälden der oberdeutschen Schule aus der
Mitte des 15. Jahrhunderts geschmücktes deut-
sches Gebetbuch (200 Blätter des feinsten Per-
gaments), welches in Schwaben und vielleicht in
einem Kloster etttstanden sein dürfte. Nach den
„100 Merkwürdigkeiten rc." dieser Bibliothek von
O- P. C. Schönemann zeigt keine von allen a.
Wolfenbüttlern Handschriften soviel Leben, Aus-
druck und Farbenpracht der Bilder, >vie diese zu
den: kleinsten aller dortigen Handschriften (nur
4" hoch 3" breit). Außerdem ist das Büchlein
überall mit beit geschmackvollsten größeren und
kleineren Anfangsbuchstaben in allen möglichen
Farben und Schattirungen geschmückt, die das
Auge jedes Kenners erfreuen. Im Einzelnen
werden in der citirten Schrift folgende Blätter
hervorgehoben:

Blatt 1. Die Abnahme vom Kreuze. Gegen-
über.

Blatt 2 a beginnt der Text mit prächtiger
Initiale O, von sehr geschmackvoller Randleiste
eingefaßt: „das ist sant Augustinus gepet zu
unser lieben frawen Bund Jvhannem ewangeli-
stam dem got sein mittet entpfalch an den fron
Creutze".

Blatt 10 b. Christus am Kreuze. Rechts
Maria im blauen Mantel, ohnmächtig, von Jvhs.
unterstützt; links Kriegsknechte n. s. w. Gegen-
über

Blatt 11a. „Der Seguenz, 8tal>at inater
dolorosa, von vnnser lieben srawenn", mit schöner
Randleiste und Initiale.

Blatt 19 b. Christus am Oelberg, betend in
der Nacht. Oben ans einem Felsen ein Engel,
ihm den Kelch darreichend, und über dem Engel
Gott Vater im Himmel in einer Glorie. Rechts
im Mittelgründe die schlafenden Jünger; weiter-
hin Judas und Kriegsknechte, durch eine Pforte
eintretend. Oben der Mond, hinten die Morgen-
dämmerung. (Schluß folgt.)

Die „deutsche Gesellschaft für christliche
Aunst" auf der Münchener Iahresaus-
stellung.

Von Pfarrer Schiller in Thannheim.

Zu Anfang des Jahres 1893 hat sich in
München die „deutsche Gesellschaft für christliche
Kunst" konstituirt, über deren Satzungen und
Absichten das „Archiv" früher berichtet hat (1893
S. 33 f.).

Die Gesellschaft zählt nun beinahe 600 Mit-
glieder, darunter viele Bischöfe und fast alle
Künstler und Kunstfreunde, deren Namen im
katholischen Deutschland einen Klang haben.

Die erste Jahresmappe, welche im Sommer
1893 ausgegeben wurde, enthielt einige Perlen
echt religiöser, christlicher Kunst, freilich auch
Werke, die zwar in rein künstlerischer Hinsicht
bedeutend waren, aber vom religiösen Stand-
punkte ans betrachtet die Kritik etwas heraus-
svrdern konnten.

Die zweite Mappe wird demnächst erscheinen.
Dieselbe wird Zeugnis davon ablegen, daß die
Künstler der Gesellschaft sich etivas sagen lassen,
daß sie die begründete Kritik nicht einfach igno-
riert, sondern sich ernstlich zu Herzen genommen
haben.

Auf der am 1. Juni eröffneten Münchener
Jahresausstellnng sind drei Kunstwerke von
Mitgliedern der „deutschen Gesellschaft für christ-
liche Kunst" zu sehen: ein Gemälde von Geb-
hard Fugel (das „Abendmahl") und zwei
Skulpturen von Busch (Altar) und Wad er e
(„Rosa mystica“1.

Wer die Bilder dieser Künstler in der ersten
Jahresmappe gesehen und diese Ansstellungs-
bilder damit vergleicht, muß anerkennen, daß
in letzteren ein großer Fortschritt in der Rich-
tung der Religiosität, der kirchlichen Auffassung
sich kundgibt.

lieber Fugels „Abendmahl" schreibt ein
akatholischer Münchener Kunstkritiker in dem libe-
' teile» „Generalanzeiger": „Der biblische Stoff
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