Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 12.1894

Seite: 101
DOI Heft: 10.11588/diglit.15911.58
DOI Artikel: 10.11588/diglit.15911.59
DOI Artikel: 10.11588/diglit.15911.60
DOI Seite: 10.11588/diglit.15911#0110
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/afck1894/0110
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
0.5
1 cm
facsimile
101

Heber de» Köpfen der Philosophen schwebt
ein Spruchband mit nicht mehr leserlicher
Inschrift. (Schluß folgt.)

Gedanken über die Ankunft der
christlichen Kunst.

(Schluß.)

Jkonographische Studien halten auch
wir für sehr nützlich und nothweudig und
sind solchen in unserem „Archiv" nicht
aus dem Weg gegangen. Die nächste
Vereinsgabe für unseren Diözesanknnst-
verein wird ein größeres, mit vielen Il-
lustrationen bereichertes ikouographisches
Werk bilden. Als charakteristisches Bei-
spiel, wie sehr in Deutschland die ikono-
graphischen Kenntnisse mangeln, führt der
Verfasser eine im „Anzeiger für die katho-
lische Geistlichkeit Deutschlands" gepflogene
Erörterung au über die Art und Weise,
wie St. Joseph als Patron der Kirche
darzustellen sei. „Der Eine schlug vor,
ihm die Kirche in die Hand zu geben;
der Andere, ihm eine solche in die
eine Hand, ein diese segnendes Christus-
kind auf die andere zu setzen; ein Anderer
wollte die Kirche von Joseph und dem
Kinde gemeinsam gehalten wissen, und der
Letzte, der wohl den Vogel abgeschossen
hat, verlangte die Kirche neben ihn hinge-
stellt. während er beide Hände darüber
segnend ausbreitet!!! Die sänuntlicheu
Antworten waren von Geistlichen gegeben.
Keiner hatte eine Ahnung davon, daß in
der Ikonographie eine Kirche ans der
Hand oder neben der Figur stehend, nie-
malen „die Kirche", d. h. die Gesammt-
heit der Gläubigen, sondern nur ein be-
stimmtes Kirchengebände, allenfalls ein
Bisthum bedeutet. Daß aber der hl. Jo-
seph als patronus ecclesiae den Doctores
ecclesiae und den Aposteln im Rang
gleichgestellt sei und daher als Zeichen
dieser Würde Stola und Thron zu bean-
spruchen habe, — ja woher sollten sie es
wissen? — Und doch verlangt das Coneil
von Arras, daß die Bilder sprechen!"
Offen gestanden — diese allein richtige
Lösung des Problems war auch mir voll-
ständig unbekannt, ja ich erlaube mir jetzt
noch Zweifel, ob sie überhaupt richtig ist.
Woher hat der Verfasser diese Weisheit?
Was hat der patronus ecclesiae mit den

Doctores und Aposteln zu thnn? Das
Concil von Arras wird hier ganz am un-
rechten Ort citirt; ein Bild des hl. Joseph
nach des Verfassers Angabe würde nicht
sprechen — wenigstens nicht zu unserem
Volk; kein Gläubiger würde beim Anblick
dieses Bildes daraus kommen, daß dasselbe
den hl. Joseph als Patron der Kirche
darstellen solle, und keine Ikonographie
würde ihn ans diesen Gedanken leiten
können. Das obige Problem ist ein völ-
lig neues; eine analoge Aufgabe hat nur
das Mittelalter sich gestellt und gelöst,
indem es die Gottesmutter als Patronin
der Christenheit abbildete mit dem bekann-
ten weiten Schntzmantel, in dessen Falteil
die Vertreter aller Stände der Kirche in
Miniaturfigürchen geborgen waren. Ana-
log den hl. Joseph darznstellen, könnte
umsoweniger empfohlen werden, als alich
jenes Schntzmantelbild schon seit Jahr-
hnilderten verlassen wurde. Ich kann
wirklich durchaus nichts Unstatthaftes und
Unerlaubtes darin finden, wenn man dem
hl. Joseph, um ihn als Patron der Kirche
kenntlich zil machen, einen Kirchenbau in
die Hand gibt; wohl bezeichnet sonst dieses
Attribut den Stifter oder Erbauer einer
Einzelkirche; aber hier ist ja ein Miß-
verständnis gar nicht möglich und der
Unverständigste ans dem Volk wird nicht
auf die Idee kommen, der hl. Joseph,
kenntlich an seinem Typus und an der
Lilie, wolle als Stifter oder als der Patron
einer Einzelkirche bezeichnet worden, zu-
mal es nicht Herkommen ist, dem Kirchen-
patron als besonderes Emblem eine Kirche
beizngeben.

Es ist wohl möglich, daß der Verfasser '
unserer Broschüre uns prinzipiell viel
näher steht, als nach obigen Ausführungen
und manchen seiner eigenen Sätze scheinen
könnte, daß manches, wogegen wir pole-
misirt haben, sich mit seiner eigentlichen
Ueberzengnng und Intention nicht deckt.
Vielleicht hat er nur gegen einzelne Aus-
schreitungen Front machen wollen, welche
wirklich zu mißbilligen sind. Auch wir
geben ihm zu, daß in den Bildern von
Klein manches manierirt, daß vielleicht
auch in der Ausstattung einiger Kölner
Kirchen des Guten und Unguten zu viel
geschah; aber auffallend bleibt immerhin,
wie erbarmungslos der Verfasser Fehler
loading ...