Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 13.1895

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B o v g e s ch ni a ck u 11 b Borge n u ß d e r
h i m m l i s ch e n Freude zu vermittel n
vermag; die Glorie des Himmels
ist die v o l l k o m in e ii e M it s i k u u d
Harmonie, welche alles S e h u e u
und Ahnen des M e n s ch e u h e r z e u s
stillt und erfüllt, die Uns ch n l d,
die Buße, die Liebe, den Glauben,
das Wissen krönt, das Denken,
Fühlen, Begehren und Strebe n
in Ruh e legt und bloß mehr einen
Affekt b e st e h e n läßt und ewig
nährt: den der vollkommenen

F r e u d e.

Darüber kann kein Zweifel sein: Ra-
phael wollte die hl. Cäcilia darstellen als
Repräsentantin und Patronin der heiligen
Musik, während die bisherige Kunst sie
als standhafte Märtyrin verherrlicht
hatte?) Beziehungen zwischen ihr und
der Musik leitete man ab ans dem Bericht
der Legende, wonach sie bei ihrer Ver-
mählung mit Valerianus unter der rau-
schenden Hochzeitsmusik in ihrem Herzen
Gott allein gesungen und gesteht habe,
Gott möge Herz und Leib ihr unbefleckt
bewahren, damit sie nicht zu Schanden
werde?)

Aber wie seltsam ist diese Vertreterin
und Schutzheilige der Musik im Raphael'-
schen Gemälde dargestellt! Sie mnsicirt
nicht, wie in so vielen anderen Darstel-
lungen, sie spielt nicht, sie singt nicht, —

*) Eine Reihe älterer und späterer Cäcilien-
bilder (über die Darstellung in der von de Rosst
wieder entdeckten Cäciliengruft iu der Papstkrypta
und im Concha-Mvsaik in S. Apollinare Nuovo
in Ravenna vergl. Kraus, Neal-Eucyklvpädie
Art. Cäcilia I, 186 ff.), die Wandmalereien aus
dem 12. oder 13. Jahrhundert iu S. Cäcilia iu
Rom (Seroux d'Agincvurt, lleintures I Tafel 84),
Francesco Fraucia's Fresken iu der Cäcilieukirche
in Bologna, die Malereien iu der jetzt verfallenen
Villa Magliaua vor der Porta Portese iu Rom,
Luka Siguorelli's Cäcilieubild iu Cilla die Ca-
stello, ferner die Bilder von Dominichino, Carlo
Dolce, Rubens und die neueren von Dela-
rvche, Ary Scheffer, Johann Scheffer von Leon-
hardshof — finden sich zusammengestellt iu dem
Aufsatz von Ernst Förster: Santa Cecilia iu
Westermanns Jllustrirten Monatsheften Bd. 52,
1882 S. 192—209.

2) „Cum esset symphonia instrumentorum,
illa in corde suo soli Deo decantabat.“ „Can-
tantibus organis Caecilia virgo in corde suo
soli Deo decantabat dicens: fiat domine cor
meum et corpus meum immaculatem, ut non
confundar.“

1 -

sie schweigt und klanglos schweigt die Orgel,
welche ihre Hände nicht so fast halten, als
vielmehr hinabgleiten lassen zu den übrigen
am Boden liegenden Instrumenten, die
außer Dienst gesetzt, ja theilweise unbrauch-
bar geworden sind.

Gerade hierin aber liegt der geniale
Gedanke der Komposition. Eben mit ihrem
Schweigen verkündigt Cäcilia beredt und
laut den Triumph der heiligen Musik. Das
durch ihr Schweigen und das Schweigen
der.Instrumente aller irdischen und mensch-
lichen, auch der religiösen Musik ansge-
stellte testimonium paupertatis weist zu-
gleich hin auf deren höchsten Reichthnm
und höchste Kraft. Inwiefern? Eben noch
hat die Heilige, begleitet von ihrer Orgel,
das Lob Gottes gesungen; da mit einem
Mal hat sich der Himmel geöffnet, ein
himmlischer Chor nimmt ihre Melodien
auf und setzt ihr Lied fort, und wie die
ersten Töne von oben kommen, schließt sich
alsbald der Mund der Heiligen und ihre
Orgel verstummt. Die heilige Musik
schweigt, — aber sie schweigt erst, nachdem sie
Großes vollbracht, nachdem sie ein Wun-
der gewirkt. Sie hat durch ihre Klänge
und ihre Melodien, welche zugleich Gebete
sind, den Himmel geöffnet; sie hat Ohr
und Herz erschlossen für die Gesänge der
Engel; sie hat dies Echo vom Himmel
herabgelockt. Und eben das ist ihr schön-
ster Triumph, daß sie aus den Disharmonien
der Welt und des Lebens heraus auf eine
Höhe erhebt, von der man in's gelobte
Land schauen und an der Pforte des Him-
mels ewigen Harmonien lauschen kann.
Die heilige Musik, weil eben auch Erden-
kniist und Menschenkunst, vermag unmittel-
bar, von sich ans solche Freude und Be-
selignng nicht zu gewähren; aber mittel-
bar kann sie es; weil, wann sie auf
den Schwingen ihrer Töne und ihrer reinen
Absichten zu ihrer Heimat anfschwebt und
die Seele dorthin erhebt, sie in ihr ein so
fesselnfprengendes Heimweh und eine so
wolkendnrchdringende Sehnsucht weckt, daß
über ihr sich der Himmel öffnet und
einen Tropfen Glorie auf sie herabthanen
läßt.

Welch unbeschreibliche und unfaßbare
Seligkeit sie damit der Seele vermittelt,
das lesen wir angeschrieben im Antlitz der
fünf Gestalten. Die Frage, warum Raphael
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