Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 13.1895

Seite: 33
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5it sehen, wird erkennen und eingestehen,
daß diese wie jede Schilderung hinter der
Wahrheit noch beträchtlich zurückbleibt.
In dem Saale, welcher in der Pinako-
thek zu Bologna der Cacilia eingeräumt
ist, sind rings an den Wänden zahlreiche
Reproduktionen des Bildes zu sehen. Keine
einzige besriedigt ganz, nicht einmal die
guten Kupferstiche eines Mauro Gandolfo,
oder des Franzosen Lafevre, oder des Eng-
länders R. Strange. Bei vielen sieht man
mit Befremden und Wehmuth, daß sie
namentlich die Hauptgestalt, besonders das
zum Himmel gewendete Antlitz der hl. Cä-
cilia vollständig verfehlt und verdorben
haben. Als vollendetsten Stich anerkennt
A. Springer H den von dem Düsseldorfer
Joseph Kohlschein im Jahre 1880
sertiggestellten und veröffentlichten. „Kohl-
schein hat die Raphael'sche Weise voll-
kommen getroffen, den Charakter des Ori-
ginals mit feinem Auge belauscht und mit
sicherer Hand wiedergegeben. Kein fremd-
artiger Zug hat sich in die Zeichnung ein-
genistet, keine Abweichung von dem Ur-
bild stört die Betrachtung. Die visionäre
Stimmung tritt uns auch aus dem Kupfer-
stich klar entgegen, die intensive Farben-
wirkung macht sich auch in dem Nachbild
geltend. Markig sind die Schatten, lench-
lend die hellen Parthien. Namentlich über
die Gestalt der hl. Cäcilia erscheint ein
Schimmer ergossen, welcher uns unmittel-
bar in die Gegenwart des Originals ver-
setzt." -

Lin Gang durch restaurirte Kirchen.

Von Pfarrer Detzel in St. Christina.

(Fortsetzung.)

Eine Hauptbedingnng einer gelungenen
Restauration ist immer die stilgemäße Har-
monie und, soweit es sich dabei um Farben
handelt, die Stimmung der polychromirten
Theile des Einbaues und der Ausstattung
zu der Architektur und Malerei der ganzen
Kirche. Die architektonische Ausstattung
der Tettuanger Stadtpfarrkirche ist nun
freilich in dem Münchner sog. romanischen
Stile erbaut. Es mußte daher in der

I Jnr Neuen Reich. Wochenschrift für
das Leben des deutschen Volkes in Staat, Kunst
und Wissenschaft. Herausgegeben von W. Lang.
10. Jahrgang. 1880. 2. Bd. S. 709-712.

Polychromirnng der Altäre u. s. w. der
ächte Stil der spätromanischen Periode,
wie er bei der Ausmalung der Kirche selbst
angewendet wurde, Platz greifen. Alle diese
Arbeiten sind vom Meister Martin mit
demselben Geschick und Fleiß, mit derselben
Stilkenntniß und Sorgfalt, reich in Farben
und Gold gefaßt worden, womit er die
Wände und besonders die Holzdecke der Kirche
dekorativ ansgeführt hat. Ihre Erscheinung
ist jetzt eine solche, daß sie sich durch die
Gegensätze der Farbe — Blaugrün auf
Dunkelviolett und Roth auf Grün und
Blau — und durch ihre reiche Vergoldung
hinlänglich plastisch abheben und doch dem
Ganzen sich harmonisch einfügen. Nur der
Hochaltar mußte wegen der Dunkelheit des
Chores eine andere Polychromirnng er-
halten : er ist in ziemlich stark rothem Tone
gefaßt, aber ganz reich mit Gold orna-
mentirt und wirkt so in die fernsten Theile
der Kirche.

So steht das Gotteshaus in Tettnang
vor unserem Auge als ein Meisterwerk
von herrlicher Polychromie. Diese große
Zahl der schönsten Motive aus der romani-
schen Ornamentik, dieser ruhige, harmonische
Farbenton, der nirgends schreiend aus dem
Ganzen heranstritt, diese äußerst wirkungs-
voll angebrachte Vergoldung, die der Farbe
Leben und Lebendigkeit einhaucht, machen
das Ganze zu einem polychromen Kunst-
werk, das das Gemüth des Beters zu
heben, zu erfreuen und in die richtige
Stimmung zu versetzen im Stande ist.

Nun aber eine andere Frage. Es sind
in unserem „Archiv" vom vorigen Jahre
(1894, Nr. 3 — 7) bemerkenswerthe Auf-
sätze über „Die Bemalung unserer Kirchen"
von sachkundiger Feder erschienen, mit
deren Hauptsätzen wir vollständig einver-
standen sind. Es sind dort zuerst die
eigentlichen Gesetze anfgeführt, welche die
Architektur der monumentalen Malerei aus-
legt, dann aber ist gesagt, es gebe über-
dies noch „Gesetze der Not, Gesetze der
Klugheit, Gesetze der Erfahrung", welchen
die monumentale Malerei sich ebenfalls
nicht entziehen dürfe.

Was nun die eigentlichen, dort zuerst
aufgeführten Grundsätze der monumentalen
Malerei betrifft, wird jeder Sachverständige
sofort erkennen, daß hier in Tettnang „die
architektonische Malerei nicht bloß nach
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