Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 14.1896

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Verkündigung und der folgenden von
Mariä Heimsuchung ist ein Bild einge-
schoben, das bisher noch keine sichere
Erklärung gefunden hat. „Endlich eine
schwer zu deutende Gruppe (heißt es im
Archiv 1894, Seite 98): eine sitzende
Frauengestalt, vor welcher eine männliche
mit lebhaftem Gestus kniet oder steht;
vielleicht Elisabeth und Zacharias, oder
Maria und Joseph." Wir haben aber
in der Darstellung nichts anderes zu er-
kennen als:

10. Maria und Joseph und zwar
nach der Stelle bei Matthäus 1, 19:
„Joseph aber, ihr Mann, weil er ge-
recht war und sie nicht in üblen Ruf
bringen wollte, gedachte sie heimlich zu
entlassen". Das Bild ist nur am un-
richtigen Platze eingeschoben, da es der
Reihenfolge nach erst auf Mariä Heim-
suchung folgen sollte, ein Verfahren, das
wir ja auch schon bei obigen Darstell-
ungen ans der Passion gefunden. Der
heilige Joseph, der neben der heiligen
Jungfrau aus einer Bank sitzt, erhebt
sprechend seine Rechte, während seine
Linke eine abweisende Handbewegung macht.
Die heilige Jungfrau, deren Zustand
deutlich wahrznnehmen ist, macht nur mit
der Linken einen schwachen Redegestns,
wie jemand, der sagen wollte: „bedenke,
was du sagst oder thnn willst"! Darin,
daß wir es auch hier mit einer solchen
Darstellung zu thnn haben, bestärken
mich die neu anfgedeckten, mittelalterlichen
Wandgemälde in der (protestantischen)
Frauenkirche zu Memmingen. Hier
ist das Sujet richtig zwischen beu Dar-
stellungen von Mariä Heimsuchung und
der Geburt Christi eingeschoben. Gerade
so wie in Ehestetten sitzt auch hier die hl.
Jungfrau auf einer Bank und macht den
gleichen Redegestns mit der Linken; das
Obergewand ist ihr, gleichsam wie im
Schrecken, entfallen. Der heilige Joseph
aber ist hier soeben von der Bank anfge-
standen nno im Fortgehen begriffen; er
hält einen Stock in der Rechten und trägt
einen Bündel auf dem Rücken, ist also wie
reisefertig. Aber wie er sich eben anfmacht
und schon fortgeben will, erscheint bereits
der Engel in gelbem Gewände uub mit
rothen Flügeln, sowie mit einem Spruch-
bande versehen und giebt ihm Aufklärung.

Der Memminger Meister hat also auch
noch den folgenden Vers, Matth. 1, 20,
in seine Darstellung ausgenommen: „Als
er aber mit diesem Gedanken umging, siebe,
da erschien ihm der Engel des Herrn im
Schlafe und sprach: „Joseph, Sohn Da-
vids, fürchte Dich nicht, Maria, Dein Weib,
zu Dir zu nehmen; denn was in ihr er-
zeugt worden, das ist vonstheiligen Geist."

11. Mariä Heimsuchung. Diese
Darstellung nimmt in der unteren Reihe
der östlichen Wand den gleich großen Raum
ein, wie in der obern die Geißelung uub
das Ecce domo-Bild und ist am vorzüg-
lichsten erhalte». Wir sehen die Kompo-
sition noch nach der älter» abendländischen
Auffassung gegeben, wonach die heiligen
Frauen allein ohne Begleitung oder zu-
schauende Personen sich begegnen und um-
armen. Die ältere Kunst wollte uns so
dieses Bild nicht nur als eine historische
Erscheinung ans dem Leben Mariens, son-
dern auch als ein Mysterium der Liebe,
als Typus aller heiligen Freundschaften
geben.

Es folgt nun ein kleineres, gothisches
Fenster, das in der unteren Hälfte Figu-
ren, in der obern Blnmenornamente ent-
hält. Die Bilder stellen zwei Ordens-
personen dar, wahrscheinlich die hl. Schola-
stika und den hl. Benedikt. Rechts von
diesem Fenster' folgte die Anbetung der
Hirten und Weisen, die aber, wie die
früher weiter noch folgenden Darstellungen,
j fast ganz zerstört sind, so daß dieser Theil
der Wand wieder übertüncht werden mußte.
Rur die Figur der hl. Jungfrau wurde
j belassen, da sie eilten gut gezeichneten Kopf
anfweist.

12. An der westlichen Seite des Trinmph-
bogens ist in der untern Reihe eine Scene
zum Vorscheine gekommen, die wahrschein-
lich die V i s i o n der h l. M n t t e r
Anna darstellt. Wir sehen ein edles
Franenaittlitz, das seine Angen zu einer
Erscheinung emporhebt. Mit der linken
Hand hält die Gestalt ein auf den Knieeit
liegendes anfgeschlagenes Buch, die Rechte
legtnsie ans die Brust. Ein die Scene
erklärendes Spruchband, das oben über
das Ganze ansgebreitet ist, konnte bisher
nicht enträthselt werden.

13. Die Beweinung Christi ist
das einzige Bild, das noch an der Nord-
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