Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 14.1896

Seite: 15
DOI Heft: 10.11588/diglit.15913.8
DOI Artikel: 10.11588/diglit.15913.10
DOI Seite: 10.11588/diglit.15913#0023
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/afck1896/0023
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
0.5
1 cm
facsimile
Welcher Stil und welche G e st a l t
unserer nach Osteil gerichteten Kirche im
Zeitalter der Pröpste eigen war, lässt sich
unschwer feststellen. Denn das alte Lang-
haus steht, wenn auch vielfach verändert,
bis zur Stnilde noch. Dagegen inußte der
frühere Chor bcm gegenwärtigen zu Ende
des 15.Jahrhunderts weichen. Das Gottes-
haus ist auch erst im 15. Säkulum gewölbt
worden, anfangs war es holzgedeckt. Es
stand über vierzig Jahre lang ohne jeden
Anbau da. Erst Propst Konrad II. hat
die alte in das ursprüngliche Kloster nm-
gewandelte Baronenbnrg niedergelegt, ein
neues Ordenshans erstellt unb einen Theil
desselben südlich an die Ordenskirche an-
gebant. Weil die Kirche früher völlig frei
stand, hatte sie auch ans der jetzt theil-
weise verbauten Südseite nach ihrer ganzen
Länge hin Fenster. Jetzt noch sind drei
nur mangelhaft zngemanerte, von der Bühne
der Valentinskaplanei ans zu erreichende,
stark ansgeschrägte romanische Ober-
lichter vorhanden. Ans ihrem Abstand
von einander läßt sich berechnen, daß der
Lichtgadeil des Mittelschiffes auf beiden
Seiten je acht solcher Oberlichter gehabt
hat. Auch ein Theil des ehemaligen, ganz
einfachen, ans Backsteinen bestehenden
Kranz gesimses, welches sich unter
dem Dache des Mittelschiffes hinzog, ist
noch erhalten. Ans der halben Höhe der
Mittelschifsaußenwände haben wir sodann
noch Reste von Mörtelstreifen gefunden,
welche darüber Aufschluß geben, wo die
Pultdächer der Abseiten an das Haupt-
schiff sich anlehnten. Der Manerstreifen
liegt 48 cm unter der Sohle der gegen-
wärtigen Oberlichter. An dem mit Find-
lingen anfgeführten Ban sind nur die
Fensternischen mit Ziegelsteinen ansge-
manert. Das ein Rechteck bildende Lang-
haus hat eine Länge von rund 36 m und
eine Breite von 24 m. Das früher mehr
als heutzutage emporstrebende Mittelschiff
hatte die doppelte Höhe und Breite der
Seitenschiffe. Die Abseiten waren ohne
Nebenchöre, dagegen war dem Hauptschiffe
ein (romanischer) Chor vorgelagert. Wenn
wir bedenken, daß die Äbsidenlänge ein

lung zahlreiche irrige Behauptungen aufgestellt.
Wir tverden dieselben aber nicht jedesmal aus-
drücklich, sondern stillschweigend richtigstellen.
D. B.

Drittheil der Langhanslänge ansznmachen
pflegte, dann dürfen wir erstere auf rund
12 m schätzen. Die Manerwände haben
unten eine Stärke von 1,25 m, oben
immerhin noch eine Dicke von mehr als
einem Meter. Das Mittelschiff war mit
einem Giebeldach, dagegen die Abseiten mit
einseitigen, halben Dächern (Pultdächern)
versehen, welche außen an die Wandungen
des Mittelbaues anlehnten. Die Höhe der
Seitenschiffe betrug ursprünglich 6 m,
genau die Hälfte der Mittelschiffhöhe. Das
Langhaus ist durch 16 Pfeiler in drei
Schiffe abgetheilr. Die westliche Hanpt-
front mit ihrem ganz einfachen Rundbogen-
portal hatte ans halber Höhe eine große
Fensteröffnung und am Giebel ein noch
vorhandenes, fast gleichseitiges atis Back-
steinen gebildetes Kreuz. Alle Ranmver-
hältnisse und Formen der Kirche entsprachen
dem Charakter der romanischen Zeit. Daher
ist zu sagen: Die Klosterkirche im Zeit-
alter der Pröpste war eine schlichte, drei-
schiffige, flachgedeckte, romanische Pfeiler-
basilika ohne Atrium und ohne Qnerschiff,
nur 48 m lang.

Dieses ihr Ordensgotteshans haben die
Schnssenrieder Mönche unter den Schutz
der seligsten Jungfrau Maria und des
heiligen Abtes Magnus gestellt. Das
Statntenbüeblein des Landkapitels Sanl-
gan, dem Schnssenried früher einverleibt
war, schreibt anno 1749: „Bevor das
Kloster gestiftet wurde, war Kirchenpatron
von Schnssenried der hl. Johannes Evan-
gelist, jetzt aber die seligste Jungfrau Maria
und der hl. Magnus, genannt der Apostel
von Schwaben/") Der Hanschronist aber
erzählt^) ans den ältesten Stiftnngs- und
Schenknngsbriefen, sowie ans den von
Päpsten und Kaisern ertheilten Privilegien
habe er ersehen, daß alle Zeit „die über-
gebenedeiteste Jungfrau und Mutter Gottes
Mari a als e r st e Patronin, der hl. M a g-
nns aber als zweiter Patron der Kirche"
angeschrieben gestanden habe. Er fügt
bei, in den Schriften, welche nach dem
Jahre 1500 verfaßt seien, trete mehrfach
nur der hl. Magnus als Kirchenpatron
von Schnssenried auf. An zwei schrift-
liche Dokumente erinnert er sich, in welchen

0 Statuta capituli ruralis Sulgaviensis etc.
Constantiae. 1749.

2) Hauschroiiik. Anmerkungen. Seite 1t.
loading ...