Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 14.1896

Seite: 24
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viebcv Hof zu Waldsee liegende Getreide
zu Geld. Die so erworbene, allerdings
recht unbedeutende Baarsnmme in der Kasse
getraute er sich, anfangs Juni 1647 mit
den Zimmerleuten §u akkordiren. Seine
erste Sorge war ans die Reparatur des
Hauses Gottes gerichtet. Die Hand-
werkslente mußten einen neuen Dachstuhl
erstellen; sie empsiengen sofort 60 fl., im
Juli 43 fl. und im August 37 sl.H Den
31. August 1649 nahm der zu Bibe-
rach im Exil lebende Abt die schon
wieder „in etwas reparirte" Kirche in Augeu-
schein. Weil während der Kriegsdauer die
Kirchen und Kapellen von der Soldateska
nicht bloß ausgeranbt, sondern durch Er-
brechen der Altarsteine und sonstige Frevel
mehrfach exsekrirt worden sind, war eine
Rekonciliation nothwendig. Ilm Kosten zu
sparen, ließ Abt Rohrer durch 1'. Augustin
Arzet bei Papst Jnnocenz X. um die
Licenz nachsucheu, die violirteu Gottes-
häuser null Altäre selbst wieder weihen ju
dürfen. Die Erlaubnis) wurde ohne An-
stand ertheilt. Speziell in der Stiftskirche
rekonciliirte Abt Rohrer vier Altäre den
10. Juni 1652, nämlich den Ehor-, Kreuz-,
Dreifaltigkeils- und Apostelaltar, und den
30. August außerdem noch den St. Annen-
altar, lieben welchem der Taufstein stand.
Diese fünf Altäre hatte das rohe Kriegs-
volk erbrochen und die Reliquien aus den-
selben weggenommeu, während die Steine
der drei anderen, ans der rechten Seile
der Kirche befindlichen Altäre unversehrt
geblieben waren.* 2 *) — Der Ersatz der
durch die Flammen ruinirteu Ausstattung
des Langhauses konnte in Anbetracht der
damaligen beispiellosen Verarmung des
Stiftes nur äußerst langsam und mangel-
haft vor sich gehen: Von einer alsbaldigen
Beschaffung neuer Aufsätze für die drei in
den Kirchenschiffen gestandenen Altäre ist
nirgends etwas zu lesen, wahrscheinlich hat
man sich mit provisorisch aus Kapellen oder
Kirchenbühneu requirirten, früher bei Seite
gestellten Bildwerkeil begnügt. Aus diese
Weise dürste die beachtenswerlhe, jetzt in
der Kircheilvorhalle ausgestellte Sculptur,
welche den Tod Mariä bietet, in das

0 Hauschronik. 3. Theil. Seite 151 und 152.

2) Diarium abbatis Rorer. Poll 1648 bis 54.

Seite 221 und 228.

Klostergotteshaus gekommen sein. — Als
im Jahre 1656 sechs distingnirte aus-
wärtige Geistliche die Schussenrieder Kirch-
weihfestfeier mit ihrer Gegenwart beehrten
und das Reichsstift seine Finanznoth wenig-
stens beim Gottesdienst nicht allzusehr doku-
mentireu wollte, lnußteu von auswärts
Parameute und sogar eine Orgel entlehnt
werden. I Erst anno 1661 kaufte Prälat
Augustin von seinent Konfrater, dem Abt
Anastasius zu Allerheiligen, eine gebrauchte
Orgel; sie wurde, „weil unter Brüdern
verbleibend", um 300 sl. abgelasseu nitb
von dem Kammerdiener des gnädigen Herrn
geholt.2) Den gewiß unbedenklichen Luxus
der Beschaffung eines mit bescheidenen Orna-
lneiueu verzierten Orgelgehäuses gestattete
sich erst Abt Viucenz Schwab (1673—83),
dessen Wappen, drei rothe Tulpen über einem
grünen Dreiberg in Silber, jetzt noch über
der Orgel prangt. — Was aber so zur
Reparatur itnb Ausstattung der Kirche
nach der Brandschädigung geschehen war,
erwies sich als so gering und unvollkommen,
daß Abt Tiberius Mangold (1683 —1710)
im Herbst 1699 sich aufs lebhafteste mit
dem Gedanken eines Neubaues trug und
durch Meister Christian Thum einen Riß
des neuen Gotteshauses fertigen ließ.B
Allein sein Vorhaben fand besonders auch
wegen der drohenden Kriegsgefahren bei
den Mönchen keine hinreichende Unter-
stützung. Das Neubanprojekt wurde deß-
halb fallen gelassen; dagegen wirkte dieser
Prälat wenigstens einigermaßen restau-
rirend au der bisherigen Stiftskirche: Im
September 1707 wurde ein neues Gestühl
für das Volk ausgestellt, um die gleiche
Zeit ein neuer Kirchenbodeu gelegt, anno
1706 und 1707 durch den Franziskaner-
bruder Mariuus die Orgel reuovirt und
im November 1708 die von Schreiner
Mathias Hund aus Ebersbach gelieferte
Kanzel erstmals benützt.4) Uebrigens ge-
nügten die von Abt Tiberius und seinen
Vorgängern in das Heiligthum verbrachten
Ausstattungsgegenstände seinen von neuen
Bangedanken und moderner Geschmacks-
richtung beeinflußten Nachfolgern nicht mehr.

0 Hauschronik. 3. Theil. Seite 203.

2) H. Chr. S. 242.

3) H. Chr. 3. Theil. S. 401.

0 Diarium Tiberii Mangold. De anno 1697
bis 1704.
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