Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 14.1896

Seite: 35
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Kehren wir nach dieser Abschweifung
zurück zur Kirche von Lauterbach. Die
zwei Wendeltreppen, welche zn der Orgel-
empore nnd den Seitenschiffemporen führen,
sind in die Mauerecken des etwas vor-
springenden Mittelschiffes eingebaut und
von der West- nnd Nord- bezw. Südseite
durch ffeine Fenstercheu genügend beleuchtet.
Die Hochschisswände über den Arkaden
und dem Gurtgesims sind durch Rund-
fenster durchbrochen, welche die Juueu-
belenchtnng vervollständigen, im übrigen
aber ganz ungegliedert; sie bieten schöne
Flächen für Wandmalerei.

Die Schiffe haben 800, die Emporen
600, zusammen 1400 Sitzplätze; Steh-
plätze in der ganzen Kirche: 1100.

Als ein Muster klarer, seingestimmter
Disposition darf die Fassade bezeichnet
werden; zn reichem, imposantem Gesammt-
eindruck vereinigen sich hier die mächtige
Mittelsront nnd die Seitentheile, die drei
Portale, die Rose, die Rund- nnd Lang-
fenster und die Mauerblenden. Es dürste
kaum möglich sein, mit bescheideneren und
wohlseileren Mitteln eine größere und
günstigere Wirkung zn erzielen. Werfen
wir endlich noch einen Blick ans die Chor-
ansicht, gewiß ein charaktervolles, wuch-
tiges, reichgegliedertes Architekturbild.

Der Voranschlag lautete ans 129 000
Mark. Durch Abgebote und durch Er-
setzung des romanischen Quadergemäners,
welches in der Beilage eingezeichnet ist,
mit einfachem, verputztem Mauerwerk er-
mäßigte sich diese Summe bei der Aus-
führung ans 109 000 Mark. So werden
wir die Kirche als schönen Beleg dafür
anführen dürfen, daß auch mit bescheidenen
Mitteln großen Naumansprücheu genügt
nnd den Anforderungen kirchlicher Archi-
tektur voll entsprochen werden kann.

Die kirchliche Kunst

in ihren Beziehungeu zum geist-
l i ch e u S ch a u spie l.

Fast uuzähligemal begegnen uns ans
alten Bildern, namentlich Darstellungen
der Kreuzigung, die Personifikationen 'der
Kirche nnd der Synagoge, deren Gestalten
auch an so manchem Kirchenportal einen
Platz gesunden haben. Leicht bloß die

Zahl der hieher gehörigen Skulpturen,
Fresken, Miniaturen, Tafelbilder, welche
Legion ist, auch deren räumliche und zeit-
liche Ausbreitung über alle Länder des
Abendlandes und über acht Jahrhunderte
(vom 9.—16.) hin rechtfertigt den Ver-
such einer monographischen Untersuchung,
noch mehr aber der Umstand, daß nach
nnd nach sich um diese beiden Figuren
ein ganzer reicher Bilderkreis sammelt;
sie erscheinen nämlich nicht bloß als selb-
ständige Gestalten, sondern spielen auch
eine Rolle in den verschiedensten heiligen
Scenen, selbst wo man gar nicht erwarten
würde, ihnen zn begegnen, wie bei Er-
schaffung der ersten Menschen, in der Ge-
sellschaft der Patriarchen, Propheten, Si-
byllen, der klugen und thörichten Jung-
sranen, bei der Geburt des Weltheilandes,
bei der thronenden Gottesmutter, beim
Abendmahl, beim Weltgericht.

Istr. Paul Weber danken wir eine
ausgezeichnete Schrift über diesen ikono-
graphisch hochinteressanten Gegenstand.x)
Er verlegt den Schwerpunkt seiner um-
fassenden Studien und mühevollen Unter-
suchungen nicht in eine möglichst vollstän-
dige Registrirnng der vorhandenen Dar-
stellungen der Kirche nnd Synagoge nebst
kunsthistorischer Anordnung und Würdi-
gung derselben, sondern vielmehr in die
Ergründnng ihres Ursprungs nnd ihrer
Entstehung und jener Faktoren, welche
ans ihre Ausgestaltung |itub Ausbreitung
von Einfluß waren. Darum erörtert er
in einem Einleitungskapitel die Prinzipien,
welche gerade bei diesem schwierigsten Th'eil
der Untersuchung ihn leiteten. Springer
war es, welcher bekanntlich erstmals nach-
drücklich ans die Liturgie, die Predigt nnd
das Mysterienspiel verwies als die drei
Hauptqnellen und Erklärungsmittel der
mittelalterlichen Kunstdarstellnngen. Weber
eliminirt mit Kraus das mittlere Glied,
die Predigt. Man wird allerdings eher
von einem Einfluß der Kunst und des
Schauspiels ans die Predigt, als von einem
solchen der Predigt ans die beiden andern

') Geistliches Schauspiel und kirch-
liche Kunst in ihrem Verhältuiß [erläutert
an einer Ikonographie der Kirche und Syna-
goge. Eine knusthistorische Studie von Hr. Paul
Webe^ Mit 10 Abbildungen in Lichtdruck
und 18 Textbildern. Stuttgart, Reff 1894. 152 3..
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