Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 14.1896

Seite: 47
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0.5
1 cm
facsimile
in Stuttgarter Privatbesitz ein kleineres Gemälde
zu sehen: „Isaak segnet seinen Sofm".1 2}

Ein anderer noch kleinerer de Crayer: „Ehrisins
und die Pharisäer mit dem Zilisgroschen", war
vor hundert Jahren in Ludwigsburg ausgestellt.
Ich entnehme dies einem interessanten gedruck-
tcn „Verzeichnis; einer auserlesenen Samnstnng
verkauft cher Original-Gcmählde von berühmten
ciftern. Nebst beigesetzten Preisen. Ludwigs«
hing im Wirtembergischen, im Monet Septem-
ber 1794"?) 16 Seiten. 8°. Nach den Vor-

bemerkungen sollte die in dreißig Jahren zusammen«
gekommene Sammlung womöglich als Ganzes
verlaust werden. „Die Kommission zum Brief-
wechsel, Besorgung und Versendung der Gemahlde
übernehmen in Stuttgart Herr Professor und
Hvfbildhauer Scheffauer und in Ludwiasburg Herr
Hof- und Theatralmahlcr Holzbep." — Dieses Bild
von de Crayer ist wohl außer Landes gewandert,
wie auch das Hauptstück jener Sammlung, die
auf 4000 rhein. Gulden angeschlagene „Erschei-
nung der Engel vor den Weibern bei Christi
Grab"/) i ou Rubens.

Sn merkwürdiger (Lhristuskopf in der
ehemaligen Ableikirche zu bjauterive
(Schweiz).

Die Klosterkirche der Abtei.Hantcrive, im Kan-
ton Freiburg in der Schweiz, wurde im 12. Jahr-
hundert im romanischen Stil erbaut. Zweimal
ist sie »mgebaut worden; im 15. Jahrhundert
setzte man an Stelle des früheren einfachen Daches
ein gothisches Gewölbe (Sterugewölbc) auf, dessen
Bogen auf reichverzierten Kapitellen ruhen. Eines
derselben erregt ganz besondeis durch seine sym-
bolische Ornamentik, die vielleicht einzig in
dieser Art dastcht, das Interesse des Forschers.
Es ist ein Christuskopf, deutlich erkennbar an
dem Typus urid dem Kreuznimbus, an den sich
rechts ein Fisch, links ein symbolisches Larnnr
schmiegt, welches mit dcni einen Fuß in dein
Ninibus selbst ruht. Das Ornament ist in Stein
gemeißelt und hat im Laufe der Jahrhunderte
viel gelitten. Soviel man indessen roch jetzt
urtheileu kann, war dec Christuskopf von großer
Schönheit und wahrhaft genialer Ausführung.
Die- Lippen scheinen zu lächeln, die Augen sind
auswärts gerichtet. Der Fisch ist vorzüglich aus-
ccführt und hat weniger durch die Zeit gelitten;
er hebt beit Kopf, gleichwie das Lämmlein, in
die Höhe und schmiegt sich fest an die Aureole;
das Lamm ist zwar noch deutlich zu erkennen,
doch mehr beschädigt. Die Züge Christi athmen
Milde und Güte; der Künstln wollte offenbar
Christus als Heiland der Welt — Christus Sal-
vator — darstellen.

I Katalog der Gemäldesammlung dus-gOber-
kriegsrats Gustav v. Landauer. Versteigerung
durch K. Maurer aus München, Stuttgart 1881.
Der. 123. Auf Holz. Höhe 56, Breite 64 cm.

2) Nr. 32, das oberigenaunte Stück, ivar auf
Kupfer genialt, 1 Fuß 2'/z Zoll breit, 10V2 Zoll
hoch. Anschlag 300 Gulden.

') Nr. 1. Auf Holz. 3Ls Fuß breit, 2 Fuß
10 Zoll hoch.

Was bedeutet die Symbolik dieses Ornaments?
Man denkt sich unwillkürlich in die Katakomben
Noms versetzt bei der Betrachtung dieser Sym-
bole Christi. Das Lamm bedeutet bekanntlich
den Heiland der Welt in der syntboliseben Sprache
der frühchristlichen Ktinst, und b:e Analogie zwischen
dem Opferlamm und dem Lamm Goties, welches
die Sünden der Welt au! sich genommen, ist
leicht zu finden. Das Sinnbild des Fisches,
das ebenso oft in den Katakomben votkomnit,
erklärt uns der hl. Augustinus: „Wenn man
von den fünf griechischen Wörtern ’lrjoovg,
Xytorög, Qeov Tiog, Sa>xrjQ die Anfangs-
buchstaben an einander reiht, so bekommt man
das Wort ’lyßvg (Fisch), wodurch in gebeini-
nißvollem Sinne Chiistus bezeichnet ivird." Wenn
nun der Fisch Nttd das Lamm den Heiland be-
zeichnet, wozu hat der Künstler in Hauterive die
beiden Symbole angewandt, da ja der Kopf
durch den Typus und ganz besonders durch den
Kreuznimbus als Christuskopf genügend eikenn-
bar ist. Der gelehrte Kunstkritiker, P. Berthier,
aus dem Dominikalierorden, stellt zwei Hypo-
thesen auf: enlivedcr hat der Künstler nach einem
alten Vorbild gearbeitet, oder cs hat ihm ein
gelehrter Mönch, der die Symbolik der früh-
christlichen Kunst ve>stand, den Auftrag zu dieser
Skulptur gegeben. Beide Hypothesen erklären
nichts und die eiste ist offenbar nicht richtig, da
eine Verbindung der beiden Symbole mit
: dem Christnsk 0 p s in der altchristlichen Kunst
unbekannt ist. Und doch handelt cs sick hier
offenbar um keine leere, ornamentale Spielerei.
Wir wollen versuchen, den versteckten Sinn dieses
Ornaments zu entziffern. Wenn die Kunst in
den Katakomben ihre geheimvißvollc Sprache
halte, warum sollte nicht die Plastik im Zeitalter
der Mystik und der Gothik ihre synibolischc
Sprache besitzen? — Das Lamm allein bedeutet
allerdings den Heiland, doch in Verbindung mit
einem Christusbilde ist es das Sinnbild des
Christen, welcher darin dem guten Hirten wie
ein Lämmlein überall folgt. Dieses Folgen auf
Christi Spur ivird auf unserem Oniamcnt in
höchst sinniger Weise dadurch angcdeutct, daß
das Lamm mit einem Fuß in der Aureole ruht;
dadurch gewinnt das Bild eine ivahrhaft rührende
Bedeutung: der Christ, erleuchtet durch die Gnade
des Heilandes, strebt, seinem Beispiel folgend,
dem ewigen Ziele zu. — Rechts schmiegt sich
fest der Fisch an den Christuskopf. Die Bedeu-
tung des Fisches als Sinnbild Christi ist keines-
wegs erschöpft, denn ohne Zweifel bezeichnet er
in vielen Fällen nicht Christus, sondern den
Christen. „Sind die Apostel und ihre Nach-
iolgcr Fischer, Menschcnsitcher, dann sind die
Fische in ihren Netzen diejenigen, welche für den
Glauben gewonnen werden." Wir sind, sagt
Tertnllian, die Fischlein des großen Fischers,
„der da ist Chtistns, da wir durch Christus im
Wasser der Taufe wiedcrgeboten weiden und
nur dann selig ivcrdcn können, wenn wir in
diesem Wasser bleiben". Das Zeichen des Fisches
war für die etsteu Christen überaus heilig und
chrwüidig, irnil von so tiefer Bedeutung. Be°
reits im 2. Jahrbundeit soidert der hl. Clemens
von Alexandrien die Gläubigen auf, das Sinn-
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