Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 14.1896

Seite: 50
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Mütterlichkeit zu unsäglich süßem Liebreiz
sich verschmelzen! Welch' fromme Sinnig-
feit, welche Würde liegt in der Haltung
und Miene des hl. Joseph! Das ist

eine heilige, das ist die heilige Familie!

An Schönheit der Formen und wohl
auch der Farben (sic leuchten mir ans
der Schwärze des Abdruckes entgegen)
steht ihm ani nächsten das Bild Francia-
bigio's; an religiösem Gehalte steht es
ihm nicht viel nach. Ihnen reihen sich
an die Bilder Signorelli's, ans welchem
Maria lesend, der hl. Joseph cinhörend
und anbetend, Bronzino's, ans welchem
die heiligen Eltern in frommer Betrachtung
des göttlichen Kindes, das ans seinem
Lager schläft unb von Johannes geküßt
wird, dargestellt sind. Die Gestalt Marias
ist ans letzterem zu üppig, ans ersterem
etwas gewöhnlich. Doch athmen beide
religiösen Geist.

Stärker als bei diesen tritt der Charakter
des Genrebildes hervor ans den
übrigen Gemälden (Rafael, Tizian, Andrea
del Sarlo, Gossaert, Van Scorel, Schoir-
ganer und Dürer). Die Würde des
Kindes, die Andacht der Eltern tritt
zurück; die heilige Familie zeigt sich in
liebenswürdiger Häuslichkeit, in harmlosem,
heiterem Getändel, ohne sich dabei herab-
znwürdigen. Alan darf es den Künstlern
nicht verübeln und als Mangel an Reli-
giosität anslegen, wenn sie da, wo sie nicht
für das Gotteshaus malten, gerade diese
mehr natürlich-menschlichen Scenen ans
dem Leben der heiligen Familie znm Vor-
würfe nahmen, sind sie doch einerseits
nicht unwahr. andererseits für die künst-
lerische Phantasie durch ihre Anmnth ganz
besonders verlockend.

,,Wir werden diese Bilder in keine
Kirche hängen, keinen Altar besteigen
lassen, aber noch viel weniger wird es
uns einfallen, sie ans dem christlichen
Familienleben oder ans der christlichen
Knnstwelt answeisen zu wollen. Im Hanse
und in der Familie ist ihr Platz und für
diesen Platz und diese Bestimmung sind
sie auch ganz im richtigen Geiste gemalt."

Davon nehme ich nun allerdings den
Platz im Hanse aus, an welchem das
Vereinsbild der heiligen Familie
hängen soll, den Platz, vor welchem die
Familie ihre tägliche Andacht verrichtet,

den Hanöaltar. Er ist ein Ersatz des
Altars der Kirche; die Bilder, die hier
hängen, das Krnzifip und das Vereinsbild
der heiligen Familie haben die gleichen
Zwecke zu erfüllen wie die Altarbilder
der Kirche. Mag man hinsichtlich ihres
künstlerischen Wertes an die Bilder des
Hansaltars geringere Anforderungen stellen
als an die Kirchenbilder, — ihr religiöser
Gehalt soll nicht geringer sein. Kurz
gesagt: sie sollen wahre Andachtsbildcr
sein. Insofern die oben besprochenen
klassischen Kompositionen, mit den an-
gedenteten wenigen Ausnahmen, dies nicht
sind, eignen sie sich nicht für die Zwecke
des Vereins der christlichen Familien, deren
erster ist, die Verehrung der heiligen
Familie zu fördern. Das Vereinsbild
soll ein Andachtsbild sein.

Das Vereinsbild soll aber auch ein
T n g e nd s p i e g e l sein, der die hauptsäch-
lichen Familientngenden Jesu, Mariä und
Josephs deutlich und erbaulich vor Angen
stellt. Erweisen sich die klassischen Dar-
stellungen unter diesem Gesichtspunkte be-
trachtet als zweckmäßig? Nein.

Es wäre gewiß zu weit gegangen,
wollte man leugnen, daß jene Bilder über-
haupt eine Familientngend predigen. Sie
schildern in der Mehrzahl in überaus lieb-
licher Weise das Glück des einfachen, stil-
len Familienlebens, welches sich ans die
gegenseitige Liebe und Eintracht, ans die
Zufriedenheit und Häuslichkeit der Fa-
milienglieder gründet, llnd es ist heut-
zutage, da die Genußsucht, speziell das
Wirthshansleben und die Vereinsmaierei,
gerade diese Tugenden und damit das Fami-
lienleben in weiten Kreisen untergraben,
gewiß nicht unwichtig, die Familien an
das Glück stiller Häuslichkeit zu er-
innern und das in den geschilderten
klassischen Werken dargestellte Tngendbei-
spiel der heiligen Familie ihnen vorznfüh-
ren; das Vereinsbild sollte jedoch noch
mehr bieten. Die Vereinsstatnten sagen
in Zisf. k, der Zweck des Vereins bestehe
hauptsächlich darin, die christlichen Fami-
lien anznleiten, „den herrlichen Tugenden
nachznstreben, in welchen sie allen, z u -
111 n t aber d e m H a n d w e r k erstände,
als Beispiel voranleuchtet". Wenigstens
ans den Vereinsbildern der Familien der
arbeitenden Stände sollte das Beispiel der
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