Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 16.1898

Seite: 54
DOI Heft: 10.11588/diglit.15903.35
DOI Artikel: 10.11588/diglit.15903.38
DOI Seite: 10.11588/diglit.15903#0062
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/afck1898/0062
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
0.5
1 cm
facsimile
54

Hauer genannt, er darf nicht mit dem
Maler verwechselt werden, welcher int
Jahr 1458 den Hochaltar zu Stertzing
schuf. Und wie verhält sich's mit dem
angeblichen Michel Erhärt Bildhauer? Der-
selbe ist kein Augsburger sondern ein
Ulmer Künstler, dort arbeitete er 1495
bis 1517 am Oelberg und ist schon 1491
im Ziusbuch der Frauenpfleger als „Bild-
hower" genannt. Ein anderer Michel
Erhardt schnitzte 1494 das Kruzifix in
der Michelskirche gn Hall.

Auch die Schreibweise Pildhauer und
Maler ist für diese Zeit ungewöhnlich,
es müßte einerseits Bildhover anderseits
Moler oder Ncaller heißen; abgesehen da-
von sind aber nachgewiesenermaßen alle
diese Buchstabenschriften au Kleidersäumen
od er Gürteln nur dekorativer Natur antb
geben in den seltensten Fällen irgend eine
Legende. Monogramme dort gn suchen
ist gänzlich ausgeschlossen, dieselben sind
ans Gemälden der altdeutschen Schulen
überhaupt selten, erst die späteren Meister,
z. B. Lukas Crauach, M. Schaffner n. s. w.
be dienen sich derselben.

Nun kommt aber noch weiter in Be-
tracht, daß Holbein d. Aelt. im Jahr 1493
noch gar nicht selbständig war, er kommt
erst seit 1494 im Augsburger Steuerbuch
vor und nimmt 1495 seinen ersten Lehr-
ling ans. Wie konnte sein Ruhm schon
nach Weingarten gelangt sein und if)m
ein so bedeutendes Werk übertragen wer-
den? Diese Abtei, eine Stiftung der
Welsen, war zu großem Ansehen gelangt
durch die kostbare Reliquie des hl. Bültes,
welches sie noch heute besitzt. Leider haben
wir keine Urkunden ans früherer Zeit,
welche uns über Altarstistnngen n. bergt,
belehren würden. Man weiß nur, daß
das Kloster öfter durch Brandfälle heim-
gesucht wurde, besonders im Jahr 1477,
die Kirche wurde 1487 neu geweiht und
noch bis tief in's 16. Jahrhundert hinein
wird an den Klostergebäuden und am
Krenzgang gebaut. Der angegebenen Zeit
entsprechend müßte der Altar unter Abt
Hartmann von Bilrgan 1491—1520 in
Auftrag gegeben worden sein. Es ist
derselbe, durch dessen Unvorsichtigkeit als
Klosterschüler im Jahr 1477 das Kloster
abbrannte und der sich deßhalb verpflichtet
fühlte, ans eigenen Mitteln die zerstörten

Gebäulichkeiten wieder ansznsühren. Doch
hat dessen Vorgänger Abt Kaspar Schiegg
1477 —1491 die Kirche wieder hergestellt,
er ließ auch 1490 die große Osannaglocke
gießen. Der Kontrakt mit dem Glocken-
nnd Büchsengießer Hans Ernst in Stutt-
gart ist im Staatsarchiv noch ansbewahrt.
Der Zeitpunkt gnr Stiftung neuer Altäre
war somit nach 1480 sehr allgemessen
nlld wir zmeiseül auch keineswegs daran,
daß der Altar wirklich im Jahr 1493
vollendet wurde.

Anders verhält sich's aber mit den
Künstlern: die Gemälde können nicht von
Holbein gemalt, sie müssen, wenn nicht
alles trügt, ans der Werkstätte Bar-
th olonläns Zeitblom's staliunen.
Wer sich einigermaßen in den Geist nild
die Formensprache des Meisters eingelebt
hat, dem wird llicht schwer werden, das
ansznsprechen. Diese Köpfe rann nur
Zeitblom gemalt haben, überall trifft man
die charakteristisch gebogene Nase, die
schöllen Frauentypen n. s. w. Nur silid
eben fast alle Köpfe durch den Restaurator
mehr oder weniger modernisiert wordelr,
ja wir lllüssen sogar almehmeli, daß Eigner
sich llicht gescheut hat sogar jugendliche
Gesichter allstatt ältere Matronen 511 malen;
so z. B. ans deln Bilde der Geburt Acariä,
ivo die hl. Anna ganz jugendlich erscheint,
ebenso im Hintergrund die Begegnung mit
Joachim. Ans den analogen Darstellungen
in Sigmaringen ist das nicht der Fall,
hier ist sowohl die hl. Anna als Wöch-
nerin als auch ans dem Bilde der Be-
gegnung mit ihrem Mann eine ältere
Frau und Joachim ein alter Mann mit
weißem Bart.

Man darf demnach nicht wie Görling
thnt (Gesch. d. Acalerei I. S. 300), die
Restauration eine glückliche nennen, im
Gegentheil, sie wurde mit einem unver-
antwortlichen Leichtsinn ansgeführt und
hat bis heute alle Forscher getäuscht. Wir
müssen jetzt einen ganz andern Entwick-
lungsgang des Meisters annehmen, die
sogen, erste Periode, welche sich ans die
Weingartener Bilder stützt, ist hinfällig, der
Meister tritt von Anfang an ganz selbst-
ständig auf, seine Behandlnngsweise trägt
schon den Geist einer neuen Zeit in sich
und jetzt fühlen wir auch unschwer einen
Zusammenhang mit seinen früheren Werken,
loading ...