Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 17.1899

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Organ des Rottenburger Diözesan-Rereins für christliche Rnnst.

peraiisgegebeu und rediairt von Pfarrer Detzel iu St. Lhristiliu-Raveiisbnrg.

Verlag des Rotteuburger Diözesail-Ruustvereius,
für denselben: der Vorstand Pfarrer Detzel in St. Lhrislina-Ravensbnrg.

Or

Erscheint monatlich einmal. Halbjährlich für M. 2.05 durch die württemüergischen (M. 1.90
im Stuttgarter Bestellbezirk), M. 2.20 durch die bayerischen und die Reichspostanstalten,
fl. 1.27 iu Oesterreich, Frcs. 0.40 iu der Schlveiz zu beziehen. Bestellungen werden
. auch angenommen von allen Buchhandlungen sowie gegen Einsendung des Betrags direkt
von der Expedition des „Deutschen Volksblatts" iu Stuttgart, Nrbansstrntze 04, zum
Preise von M. 2.05 halbjährlich.

Die kirchlichen dNetallarbeiten.

Eine systematische Darstellung von
Konrad Kümmel.

III. Die Kunst des Treibens.

(Schluß.)

Mit der Revolution und dem dara
beginnenden 19. Jahrhundert wurde auch
das Kunst-Treiben, ähnlich dein Knnst-
schnüeden, vollständig vernichtet. Die Re-
volution hat sich auch nach dieser Seite
hin als vollendete Barbarei gekennzeichnet.
Wenige Jahrzebnte hattell genügt, nnt die
herrliche Technik fast ganz vergessen zu
machen. Anfangs brauchte man diese
Kllnst nicht mehr, weil der Elnpire- und
Biedermannszeiten-Zopf kaunr etwas an-
deres zuließ, als gerade Linie oder Kreise,
bezw. Kreissragnrellte nüchternster Art.
Später aber kam auch auf diesem Ge-
biete die Fabrik auf: das Drücken,
Pressen, Stanzen, Prägen uitb die Guß-
Surrogate.

Und so kanr es, daß sich die Kirchen
selbst noch nach devl Neuerwachen des Glau-
bens seit beit 40er Jahren beim besten
Willen oft genug mit einer förmlichen
Schnndwaare für ihre heiligen Geräthe
behelfen mußten, weil nichts Besseres ge-
boteil wurde. Noch schlimmer aber war
der Umstand, daß durch traurige Pfusch-
arbeit und totale Verständnißlosigkeit
manches kostbarste alte Metallwerk in
schauderhaftester Weise verstümmelt oder
mißhandelt wurde — unter dem Namen
„Reparatur" ! Erst in neuerer und neuefter
Zeit hat man wieder ähnlich wie die
alte Schmiedekunst, so die edlere Treib-
kunst allsgegraben allS beut Schutt der
Verwüstung, imb ist wieder diese Kunst in
die nlid jene Werkstätte eingeführt wor-
den. Aber von diesen neueren Arbeiten

: können nur wenige als kunstmäßig bezeichnet
werden; im Vergleich mit den alten gilteil
Sachen fallen fast alle durch. Freilich
muß man sagen, daß es oft genug an den
Mitteln fehlt, eine seine Treibarbeit zll
bezahlen und daß der Geistliche eben einen
Kelch, der außer der „gedrückten" Cllppa
nur noch gestanzte oder gegossene Messing-
theile besitzt, also pure Fabrikwaare, an§
Armuth nehmen muß. Jll ben meisten
Füllen ist aber auch kein Sachverständiger
da, der den Schund von der ehrlichen
Handarbeit All unterscheideil wüßte. Der
Fabrikbetrieb hat allch aus diesem Felde,
wie auf dem der Malerei lind Sknlptlir
die wahre Kullst furchtbar geschädigt mtb
vergewaltigt. Und leider steht die kirchliche
Metallkunst im allgemeinen in unserem
Lande auch noch nid)t auf der nöthigen
Höhe. Wie eifrig nnb emsig wird z. B. in
profanen Geschäftell jetzt wieder die Treib-
kllnst gepflegt! Wir haben köstliche
Sächelchen gesehen, welche schon fort-
geschrittenere Lehrlinge in der Treibkulift
lieferten (z. B. aus einem 20 Pfg.-Stück
oder einer Mark ein Reliefköpfchen hernus-
treibeli, so daß der Ralld selbst unversehrt
bleibt n. s. w.) — aber dazu gehört nicht
nur die gründliche Anleitung in der betr.
Technik, sondern auch gründliche Vor-
bildung im Zeichllell nnb speziell int
Wachsmodelliren und eine Gewöhnung des
Auges an nlnstergiltige Vorbilder, wie wir
das z. B. in der Gmünder gewerbl. Schule
sehen. Ist es zuviel verlangt, wenn man er -
wartet, daß Keiner die Leitung eines Ateliers
für kirchliche Metallkunst übernimmt,
ohne solch eine gründliche, allgemein künst-
lerische nnb speziell technische Vorbildung
errungen zu haben? (Daß übrigens auch
in unserem 19. Jahrhundert die eigentliche
Treibkunst von Einzelnen noch mit voller
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