Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 20.1902

Seite: 48
DOI Heft: 10.11588/diglit.15935.20
DOI Artikel: 10.11588/diglit.15935.25
DOI Seite: 10.11588/diglit.15935#0057
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/afck1902/0057
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
0.5
1 cm
facsimile
48

Eine Reihe hervorragender Schöngeister wie
der Engländer Irving, Graf Schack :c. haben
im Lanf der Zeit sich zum Cicerone herge-
geben und wer z. B. Irvings nies ok the
nlhambra gelesen und nachgeträumt hat, der
wird neuen derartigen Publikationen skeptisch
gegenüber stehen. Trotzdem kann auch einein
solchen Schmidt's Arbeit mit gutem Gewissen
empfohlen werden. Denn sie bietet vor allein
annähernd 100 Illustrationen in einer Aus-
führung, wie man sie bei Seemann gewöhnt ist,
sie wird der Landschaft ivie der Architektur ge-
recht, sie redet eine Sprache, welche der Anmuth
des Gegenstandes vollauf entspricht und weiß
Verstand und Gemüth in gleicher Weise zu fesseln,
verwebt scharfsinnige fachmännische Untersuchungen
mit prächtigen Landschaftsbildern und anmuthigen
historischen Erinnerungen und >vird jedeni gute
Dienste leisten, ob er nun selber „Granada in
goldenein Schimmer und die Alhambra in sonnigem
Brande" gesehen hat, oder nur auf den Schwingen
der Phantasie dorthin eilen kann. Was der Ver-
fasser über die Eigenart arabischer Bau- und
Dekorationsweise, ihr Verhältniß zur Antike und
Gothik, über Pendantifs, arabische Sculptur und
Malerei sagt, das leuchtet ohne Weiteres ein.
Die zahlreichen Vergleiche mit andern Bauten
desselben Volkes in Asien und Afrika zeigen den
weitgereisten Forscher. Auszusetzen haben wir
nur drei Dinge. 1. würde ein Grundriß der
Alhambra die Orientirung wesentlich erleichtern —
es hätte auch nichts geschadet, wenn die ohnehin
wenig bekannte arabische Malerei mit einer Illu-
stration bedacht worden wäre; 2. hat der Ver-
fasser gut daran gethan, auf Controversen nicht
näher einzugehen und den Text mit einer Menge
Anmerkungen zu belasten, wohl aber hätte es
sich empfohlen, ain Schluß das Beste aus der
Literatur für weitere Studien namhaft zu
machen; 3. daß ein Kunstfreund wie Schmidt es
verurtheilt, wenn arabische Moscheen in christliche
Kirchen umgewandelt oder zerstört wurden, ist
von seinem Standpunkt aus begreiflich, und ein
Loblied auf die spanische Inquisition wird man
von ihm auch nicht erwarten. Aber befremdend
wirkt es, wenn bei den Christen Moscheen-
verwüstung gebrandmarkt wird, während z. B.
S. 15 Sans pörase berichtet wird, daß die
Araber eine Menge Architekturglieder zerstörten
christlichen Gotteshäusern entnommen haben.
Im hellsten Sonnenlicht des Humanismus hat
der Bildersturm in Deutschland wahre Orgien
gefeiert. Ob der Verfasser wohl deshalb der
Reformation die Bildung absprechen wird? Aus
seinem Abscheu über die Vergewaltigung der
neuunterworfenen Mauren durch die Christen
macht er kein Hehl — dagegen beschränkt er sich
bei deni Bericht von den Martyrien der Kart-
häuser unter Heinrich VIII. einfach auf die Mit-
theilung der Thatsache. Warum hier so zurück-
haltend? S. 113 glaubt er die Erhaltung
arabischer Inschriften mit Lobpreisungen auf den
Gott der Moslimen „der Unwissenheit der
frommen Ordensbrüder" zuschreiben zu sollen.
Mag sein. Aber wie viel gab es denn ums
Jahr 1492 z. B. in Deutschland Wissende in der >
arabischen Sprache? Am Werthe der kunst- j
historischen Parthieen und der Naturschilderungen '
im Buche ändern diese Mängel ja allerdings

nichts, wohl aber beweisen sie, daß wie viele
andere so auch der Spruch vom Schwinde)! der
Vorurtheile durch Studium und Reisen seine Aus-
nahmen hat.

Geislingen a. St. Or. R o h r.

Schriften der Schweizerischen Gesellschaft für
Volkskunde. I. Geschichte der Reli-
quien in der Schiveiz von E. A.
Stückelberger CXVI u. 324 S. u.
40 Abbildungen. Zürich 1002. (Direkt
zu beziehen — Frcs. 10 durch Einzahlung
oder gegen Nachnahme — von der Schweiz.
Gesellschaft für Volkskunde. Börse. Zürich.)
Stückelberger schildert in seinem Buche das
posthume Leben aller in der Schweiz irgendwie
verehrten Heiligen, besonders der einheimischen
Blutzeugen. Bei der Sichtung des Materials
läßt er die gedruckten, bequem zugänglichen
Quellen bei Seite und erschließt dem Publikum
mit um so größerem Fleiße die ungedruckten und
zwar in Form von Regesten (S. 1—324). Zum
Verständniß derselben verbreitet er sich (S. I bis
LXV!) über die Terminologie, dann über die
Beglaubigung in ihren verschiedenen Formen,
Weitergabe, Aufbewahrung, Registrirung, öffent-
liche und private Verehrung sanunt deren Be-
gründung und Entwickelung, Aechtheitsgrade, Be-
hältnisse und Aufbewahrungsorte, Fassung,
Werthung im Volksglauben und öffentlichen Leben,
Bekämpfung der Reliquien. So setzt er den
Leser in den Stand, die folgenden Regesten zu
lesen und zu deuten, bewahrt ihn vor den
schweren Mißverständnissen, welche ungenügende
Kenntnitz da und dort bewirkt hat, und ver-
mittelt ihm die Einsicht in die Haltlosigkeit so
mancher Anklagen, welche gegen den Reliquien-
kult im Lauf der Zeit erhoben wurden. Mit
! seinem eigenen Urtheil hält er zurück, doch läßt
sich dasselbe aus dem Gebotenen unschwer er-
schließen. — Man sieht dem Buche beim flüch-
tigen Durchlesen nicht an, welche Unsumme von
Reisen und archivalischen Studien demselben zu
Grunde liegt; vertieft man sich jedoch in den
Inhalt, so glaubt man's dem Verfasser gern, daß
zur Beschaffung des Materials „der gute Wille,
die Mithilfe und die Opferfreudigkeit vieler"
nöthig war. Besondere Anerkennung verdient
Pfarrer Fräfel von Schennis, der den Plan
einer eigenen lipsanographischen Arbeit nufgab
und viele Beiträge leistete. Welche Bedeutung
das Werk für die Volkskunde hat, bewies die
Schw. Ges. f. Volkskunde durch Uebernahme
desselben. Aber auch die Theologie ivird es
freudig begrüßen, einmal wegen des Inhalts —
und wir dürfen verrathen, daß die rein akten-
mäßige Geschichte der Reliquienverehrung sich
vielfach von selber zu einer Apologie auswächst
—, dann aber auch wegen der Methode und
Methodik. Für ähnliche Arbeiten über andere
Territorien ist damit eine solide Grundlage ge-
schaffen. Möge es dem Verfasser vergönnt sein,
noch recht lange in eigener Person aus derselben
weiter arbeiten zu dürfen.

Geislingen a. St. 14r. Rohr.

lqiezn eine Kunst-Beilage:

Kirchliche Bilder von der galvanoplastischcii
Kunstanstalt in Geislingen a. St.

Stuttgart, Buchdruckerei der Akt.-Ges. „Deutsches Volksblatt".
loading ...