Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 20.1902

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Reihen — Gott sei Dank — ziemlich un-
deutlich gemalter Mönche mit allerdings
überdeutlich großen Mäulern sie umstehen.
Ebenso bizarr wirkt eS, wenn H. B. Wie-
land in seiner „armen Seele" (Nr. 215)
den Teufel sein Opfer über die Gipfel
der Berge schleifen, mit der einen Kralle
sie an den Haaren ziehen, mit der andern
ihren Kopf so halten läßt, als gälte es,
Kegel zu schieben. Wahrlich, da ist die
Seele des Künstlers noch ärmer, als die
arme Seele in den Teufelskrallen. Eigen-
thümlich berührt auch M. Greiffenhagens
Illustration zum Bibelwort „die Söhne
Gottes erblickten die Töchter der Menschen
und sahen, wie schön sie waren" (Nr. 67).
Fritz v. Uhde's „barmherziger Samaritan"
(Nr. 206) reiht sich seinen früheren Bil-
dern würdig an, und seine Verehrer jubeln
ihm zu, daß er sich bis heute treu geblie-
ben und sein Können immer auf's Neue
zu _ erweitern und zu vertiefen gestrebt,
daß er die erstarrte biblische Malerei mit
neuem Leben und neuen seelischen Aus-
drücken beschenkt hat und dein Studium
des Lichts mit Liebe und Eifer nachgeht.
In letzterem Punkt ist er eben auch Einer
von Vielen, und was Erstereu betrifft, so
mahnt gerade sein barmherziger Sama-
ritan doch recht deutlich an alte Vorgänger
und Vorbilder, und über den Charakter
des letzten, wenn man will erfreulichen
Aktes einer Schlägerei vermag er seinen
Gegenstand nicht hinauszuheben. — Mit
Bedauern sehen wir unsere Hoffnung auf
religiöse Bilder von Leo Samberger ent-
täuscht. Einigermaßen entschädigt sind wir
durch seine keck hingeworfenen Portrait-
zeichnnngen (Nr. 170 a— m). Wie hoch
lie von fachmännischer Seite geschätzt wur-
den, bekundet die Thatsache, daß sie der
Staat angekauft hat. In seiner Pieta
(Nr. 246), Relief in Untersberger Mar-
ülor, hat Balthasar Schmitt ein Werk
geschaffen, für welches nur ein recht vor-
nehin ausgestattetes Gotteshaus als wür-
diger Schrein gedacht werden kann. Ernst
Pfeifer hat sich in den ausgestellten Grab-
steinen (Nr. 2441) mit Erfolg bemüht,
für altehrwürdige Gedanken und Bedürf-
"isse Formen im Sinne des modernen
Geschmacks zu schaffen.

lieber Albert Bernard's zwölf Kartons
(Nr. 8—19) für die Malereien einer

Hospitalkapelle können wir uns nur mit
Reserve äußern. Sie sind ja nicht als
Werke für sich gedacht, sondern eben Kar-
tons, zu denen erst die Farbe hinzukommen
muß; und sie könnten erst vollauf gewür-
digt werden an beut Ort und in der llm-
gebung, für die sie bestimmt sind. Aber
daß sie dort zu den durch Leiden des
Körpers und Qualen der Seele disponirten
Gemüthern eine gewaltige Sprache zu
reden vermögen, das ahnt man selbst an
dem denkbar ungünstigsten Standort, beit
sic in München haben.

Auch auf die Gefahr hin, daß wir zu-
letzt nicht gerade das Beste bringen, müssen
wir noch CH. Cottet's Prozession (Nr. 34)
anreihen. Das Bild ist aus dem Leben
herausgegriffen, aber die grellen Farben
desselben stehen doch etwas schreienv und
breitspurig nebeneinander. Es ist ja aller-
dings katholisches, farbenfreudiges Banern-
volk, das mit der Prozession geht, und
gewiß seine Helle Freude hat, wenn cs
möglichst viel Roth und Weiß und Blau
sicht; vielleicht stecken auch noch nationale
Liebhabereien hinter diesem Farbentrio,
aber ein Künstler sollte anders urtheilen,
als das Landvolk.

Mit gemischten Gefühlen haben wir die
Secession ausgesucht, mit gemischten Oie-
fühlen scheiden wir von ihr. Wir haben
auf rein religiösem Gebiet Voll- und Min-
derwerthiges nebeneinander gesehen. Auf
dem profanen Oiebiet entspricht den Ar-
beiten, gegen die wir uns ablehnend ver-
halten mußten, eine mindestens ebenso
große Zahl von solchen, die man rück-
haltlos . anerkennen kann, auf die wir
jedoch nicht einzugehen brauchen, weil sie
sich mit unserm Gegenstand nicht berühren.
Auch da, uw wir tadeln mußten, gelten
die Rügen oft mehr der Sache, als der
Mache, und auch ans rein technischem Ge-
biet haben sich die Secessionisteu doch nach-
gerade recht bedeutend gehäutet. Wage-
stücke, wie sie die Besucher der Ausstel-
lungen noch vor einigen Jahren erschreckten,
verschwinden mehr und mehr, und so hoffen
wir, daß im Laufe der Zeiten sich ans
dem bisher noch nicht gehobenen Mißver-
hältniß zwischen dem Ueberschnß an Können
und Mangel an Kunst doch noch die Har-
monie heransentwickelt und mit ihr das,

; wessen man sich seit Jahren schon, wenn
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