Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 41.1926

Seite: 94
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gewisse Behaglichkeit über die Räume auSgegossen haben. Vielleicht bestand
das ganze Anwesen schon damals anS der Kirche, welche die Nordwand der
Anlage in westöstlicher Richtung bildete, aus dem südlich an die Kirche sich
anlehnenden Hauptbanquadrat, an das sich nach Westen ein Noviziatbau anschlosi,
und aus der isoliert südöstlich vom Hauptbau stehenden Äbtissinwohnung.

Von Einrichtungsgegenständen, die noch dem ersten Bau angehörten, ist
uns wenig bekannt. Im Bayerischen Nationalmuseum zu München befindet
sich ein gotisches Flügelaltärchen mit Predella, das aus Söflingen
nach Schleißheim und von hier 1858 nach München gelangt war. Es ist nur
148X88 Zentimeter groß. Die Predella zeigt eine heilige Sippe mit IO er-
wachsenen Personen, 6 Männern und 5 Frauen, mit den heiligen Kindern.
Das Mittelstück, geöffnet, stellt eine Madonna mit Kind in der Mitte, rechts
davon St. Wolfgang, links einen Bischof mit Kruzifix in der Hand dar.
Unter den Seitenarmen des Kreuzes lausen zwölf parallel sich übereinander-
reihende Schriftstreifen hin. Auf einigen derselben ist mit der Lupe die Schrift
zu lesen, z. B.: .l68U8 in cruce positus — Jesus ans Kreuz geheftet; .168U8
promi88u8 pntridu8 — Jesus den Vätern verheißen; ä68U8 8flini8 eorouatu8
— Jesus mit Dornen gekrönt; ,le8ii8 triumphans morte — Jesus im Tode
sieghaft; Jesus pati paratus — Jesus zum Leiden bereit; Jesus pro nobis
natns — Jesus für uns geboren. Vielleicht ist das St. Bonaventura.Aufden
geöffneten Flüqeln sieht man links St. Sebastian, rechts St. Rochus. D»e
geschlossenen Flügel zeigen S. Nikolaus und S. Jos (Jodokus), je zu
Füßen ein Wappen (zu Füßen S. Jos das Wappen von Wernau?) Der
Meister des Altars wird im Kreise Zeitbloms gesucht. Wegen der kleinen
Ausmaße dürfte das Altärchen für den Kapitelssaal bestimmt gewesen fein,
aber erst gegen Ende des 15. Jahrhunderts dorthin gelangt sein. Es ist also
kaum anzunehmen, daß das Kunstwerk dein ersten Klosterbau in Söflingen
angehört hat. In einer geschriebenen Chronik von Söflingen (Johannes
Fraidel) wird notiert: „I8O4 am Sonntag Lätare wurden von der Klausur
Bilder nach München abgeführt."

Im Ulmer Stadtarchiv befinden sich zwei illuminierte Blätter,
das eine ein Kanonblatt aus einem kleinen Missalc mit der Kreuzigung
Christi, das andere ein Blatt aus einem Regelbuch der Klarissinnen. Ferner
befinden sich in Ulm (Museum?) 44 Abdrücke von Söflinger Holz-
stöcken'"), die sich einst bei Gliedern der Söflinger Familie deö Kloster-
schreiners Maier vorgefunden haben, jetzt aber sich im germanischen Musemn
zu Nürnberg befinden. Eines dieser Bilder stellt das Jesuskind dar, das
Rosen trägt. Die Inschrift dieses Bildes erklärt:

„Ich will Rosen brechen

Und will lenden uff myn frnnd trechen.

Wer funder lieb zw gott will bau,

Der soll billich alle zeit in leyden stan,

Leyden soll er haben vil,

Wer gottes frundschaft haben wil."

Archiv für christl. Kunst (1917) XXXV, S. 14 und 15.

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