Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 42.1927

Seite: 87
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Steinhaufen, Pfarrkirche. Rapitäle der linken Pfeilerreihe.

und das erste Menschenpaar in seiner naiven Anmut und Unschuld bringt
drastisch zum Bewußtsein, „was uns Eva raubte" und Maria uns zurück-
brachte. So hat die Kunst neben die plastische Darstellung der Schmerzens-
mutter im Gnadenbilde des Hochaltars eine packende Verherrlichung der glor-
reichen Himmelskönigin in den Fresken des Schiffgewölbes gestellt, eine Pre-
digt in Farben für die Wallfahrer, die Erdennot und Erdensorge hiehertra-
gen, um Lebensmut und Siegeshoffnung mit hinauszunehmen in das Gewühl
und Getriebe des Alltags und die Kämpfe und Stürme der irdischen Pilgerfahrt.

Ist einmal das Gnadenbild erwähnt, ein kostbares Erbstück aus dem
Mittelalter, so muß auch der grandiose Rahmen gewertet werden, den man
ihm gegeben: der Hochaltar. Er ist bereits der zweite feit dem Neubau des
Abtes Ströbele von Schuffenried. Der erste stammte von Gabriel Weiß aus
Wurzach und hatte zwei Mensen (ähnlich die Altäre der nördlichen Seiten-
kapelle des Straßburger Münsters) und mochte sich bei dem großen Andrang
an Wallfahrtstagen als sehr praktisch erweisen, war aber zu blockisch und
wurde deshalb um die Mitte des 18. Jahrhunderts durch den jetzigen ersetzt
von Joachim Früholz von Weingarten. Flankiert ist er durch je eine Galerie
mit Treppe zu beiden Seiten. Spuren an erfteren scheinen eine alte Tradition
zu bestätigen, daß die Wallfahrer auf der einen Seite emporstiegen, um das
Gnadenbild zu verehren, und auf der andern ins Schiff zurückkehrten. Es
müßte also ein Gang quer über den untern Teil deö Altars geführt haben.
Sind seine Maße gegenüber denen seines Vorgängers auch etwas reduziert,
so ist er immer noch wuchtig genug, um das Raumbild des Kircheninnern wür-
dig abzuschließen. Beim ersten Anblick überrascht er durch das Nebeneinander
disparater Elemente. Und doch ist es den Künstlern gelungen, sie harmonisch

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