Böttiger, Carl August   [Hrsg.]
Amalthea oder Museum der Kunstmythologie und bildlichen Alterthumskunde — 2.1822

Seite: 46
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abgehangen, ihren Arbeiten mehr Gelenkigkeit/ Studium/
Naturschcin und Vollendung zu geben. Es scheint als wenn
die Meister mehr verstanden/ als ihnen das Gesetz zu machen
gebot.

Eben so verhält es sich in Beziehung auf die Gewänder.
Man sicht/ daß cs für solche Meister ein Geringes gewesen
wäre/ einen zierlichem und natürlichem Faltenwurf darzur
stellen / was manchmal bei priesterlichcn und andern unterger
ordneten Figuren auch der Fall war/ aber daß sie in der
Regel eine solche vollendete Nachahmung verschmähten. Die
Kunst der Aegypter ging von der Hieroglyphik aus. Sie ar-
beitete mehr für den Verstand/ als für das Gefühl/ und den
Reiz der Anschauung, obwohl man ihnen ein gewisses Be-
streben nach der Zierlichkeit im Technischen nicht absprcchen
kann.

Hierzu kommt die Bildung der Thiere/ woraus man
deutlich ersieht/ daß die Kenntniß der Künstler nicht so be-
schrankt war/ als man nach der Bildung der menschlichen
Figuren schließen möchte. Jedes Thier hat die ihm eigen«
thümliche Gestalt bis in die kleinsten Theile, und eben so
eigen ist die Geberdung/ zugleich mit einem Verhaltnißmaaß/
und einer Fülle, daß man das Studium des Knochenbaues
und der Muskulatur dabei kaum bezweifeln kann. Ich be-
merke z. B- nur das Auge: wenn dies bei den menschlichen
Figuren immer denselben Schnitt hat; so zeiget cs bei den
Thieren jene Verschiedenheit, die jeder Thierart eigen ist,
ein Beweis, daß die ägyptischen Künstler wirklich mehr
machen konnten, als sie wirklich machten.

Eine fernere Bemerkung verdienet in der ägyptischen
Kunst die Darstellung des Nackten, besonders bei ihren Göt-
tern und Dämonen.

Die Aegypter gingen in dieser wichtigen Beziehung ar-
tistischer Darstellung nicht nur den Griechen voran, sondern
sie scheinen ihnen auch als Vorbild gedient zu haben in einem
Theile, welcher in der Folge die Kunst der Griechen durch
eine vollendete Charakteristik so sehr hob, und ihnen den
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